Stefan Aust: Wir sind keine Gralshüter

29. Oktober 2004, 12:14
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Er ist einer der Initiatoren der erneuten Diskussion um die Rechtschreibreform: "Spiegel"- Chefredakteur im STANDARD-Gespräch

STANDARD: "Spiegel", "FAZ", Springer Verlag und "Süddeutsche" kehren zur alten Rechtschreibung zurück. Wie erklären Sie das einem Schüler, der sich in den vergangenen Jahren an die neue Rechtschreibung gewöhnen musste?

Aust: Das mache ich jeden Tag, da ich zwei Töchter habe, die eine ist sechs, die andere 13. Der Grund dafür, dass wir das gemacht haben, besteht darin, dass die Kinder heute in der Schule etwas lernen, was sie in der Literatur nicht wiederfinden. In dem Moment, in dem meine Töchter ein Buch in die Hand nehmen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in der alten Rechtschreibung abgefasst ist, 90 Prozent.

STANDRAD: Die Schulbücher sind allerdings bereits umgestellt.

Aust: Das ist der Kern des Problems, wir haben eine zweigeteilte Situation. Da sie die alten Bücher aber nicht mehr verändern können und sich die neue Rechtschreibung offensichtlich aus genau diesen Gründen nicht durchgesetzt hat, ist es vernünftiger, zur alten zurückzukehren als den Unsinn weiter mitzumachen.

STANDARD: Viele nennen das in Hinblick auf die jüngere Generation unverantwortlich. Geht es um eine Machtdemonstration der Medien?

Aust: Nein, wir haben die Rechtschreibreform am Anfang ja mitgemacht, aber die Regelungen selbst waren zu einem großen Teil widersinnig. Wir haben sehr energisch dagegen argumentiert, dann aber trotzdem mitgemacht, da wir gedacht haben, na gut, vielleicht setzt sich das ja irgendwann durch. Meinungsumfragen sagen aber, dass 80 Prozent der Leute dagegen sind.

STANDARD: Sie beklagen die Unsinnigkeiten und Widersprüchlichkeiten der neuen Rechtschreibung. Die gab es in der alten Rechtschreibung in anderer Form aber genauso. Haben Sie das vergessen?

Aust: Man machte die Reform, um eine Logik in Bereiche einzuziehen, die sich der Logik zum Teil entzogen haben. Man hat dadurch neue unlogische Formen produziert. Wenn man es konsequent gemacht hätte, hätte man die halbe deutsche Sprache umschreiben müssen.

STANDARD: Sie sprachen in Ihrem letzten Leitartikel von einem "orthografischen Chaos". Ist ein solches nicht genau dann vorprogrammiert, wenn man die Reform zurücknimmt?

Aust: Das glaube ich nicht. Im Übrigen würde kein Land der Erde auf die Idee kommen, eine neue Rechtschreibung von staatlicher Seite zu entwickeln. Sie finden in der französischen Sprache, glaube ich, sechs verschiedene Schreibweisen für das o: Renault, Bordeaux ... Was glauben Sie, was passieren würde, wenn man in Frankreich plötzlich sagen würde, wir schrieben das alles mit o?

STANDARD: Sprache entwickelte sich immer weiter.

Aust: Das ist der Kern des Problems. Es hat immer Entwicklungen gegeben, die irgendwann in die Regularien übernommen worden sind. Das ist auch richtig so. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sich Sprache evolutionär entwickelt, oder ob sich eine Gruppe von selbst ernannten Experten bzw. von den Kultusministern ernannten Experten, hinsetzt und ein neues Sprachsystem entwickelt, das mit dem, was gebräuchlich ist, nichts zu tun hat.

STANDARD: Seit 1902 war die Rechtschreibpflege dem Duden-Verlag anvertraut, einem Privatunternehmen. Jetzt tragen staatliche Stellen die Verantwortung. Ist das nicht ein Mehr an Demokratie?

Aust: Wo sehen Sie da ein Mehr an Demokratie? Bei der Einführung der Rechtschreibreform wurde im Bundesland Schleswig-Holstein eine Volksbefragung durchgeführt. Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung hat für die Beibehaltung der alten Rechtschreibung gestimmt. Das hat die Politik überhaupt nicht interessiert.

STANDARD: Ihr Vorstoß wird von vielen als reaktionär angesehen. Sind Sie und Ihre Medienkollegen die neuen Gralshüter der Sprache?

Aust: Nein, wir sind keine Gralshüter, wir wehren uns gegen Veränderungen, die nicht notwendig und widersinnig sind.

STANDARD: Medien nehmen die Reformen der Politik zurück. Sind die deutschen Leitmedien die besseren Politiker?

Aust: Zumindest sind unsere Politiker nicht die besten Politiker, die man sich vorstellen kann. In diesem Land gibt es einen enormen Reformstau, aber der bezieht sich nicht auf die Sprache.

STANDARD: Schätzungen sagen, dass die Rücknahme der Reform 250 Millionen Euro kosten wird.

Aust: Diese Kosten würden entstehen, wenn sie von heute auf morgen alle Bücher verändern würden. Genauso gut wie wir jetzt eine sechsjährige Einführungsphase hatten, wird es auch in Zukunft einen Turnus geben, in dem Schulbücher den Lehrplänen angepasst werden. Man kann genauso einen evolutionären Prozess einleiten wie den, den man gemacht hat, um die Reform einzuführen, um aus diesem Unsinn wieder auszusteigen.

STANDARD: Haben Sie Zahlen, wie viel das kosten würde?

Aust: Es geht nicht um Zahlen, weil Sie die Zahlen willkürlich festsetzen können.

STANDARD: Nichts wird es nicht kosten.

Aust: Ich kann Ihnen sagen, es kostet nicht sehr viel. Nur wenn Sie jetzt anfangen, Bücher die bereits gedruckt sind, einzustampfen und neue Auflagen zu produzieren, kostet das sehr viel Geld. Aber es stellt sich die Frage, was sie tatsächlich verändern wollen. Der Grundgedanke derer, die die Rechtschreibreform eingeführt haben, war eine Liberalisierung der Sprache, in der die Bandbreite, was ein Fehler ist und was kein Fehler ist, vergrößert wurde. Man könnte so liberal sein und sagen, jetzt gehört auch die alte Rechtschreibung in dieses Spektrum.

STANDARD: Das hieße, die Schüler müssten sich erst recht an ein Chaos gewöhnen.

Aust: Sie müssen sich ohnehin an ein Chaos gewöhnen, selbst wenn wir bei der neuen Rechtschreibung blieben. Aber dann haben sie keine Perspektive, diesem Chaos zu entkommen. (DER STANDARD, Album, 14./15.8.2004)

  • Mit Stefan Aust, dem Chefredakteur des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", sprach Stephan Hilpold.
    foto: der standard

    Mit Stefan Aust, dem Chefredakteur des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", sprach Stephan Hilpold.

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