Was für ein Unfug

29. Oktober 2004, 12:14
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Für Journalistenpapst Wolf Schneider ist die Reform ein einziges Ärgernis

Jede Rechtschreibreform ist ein Ärgernis, selbst wenn sie dringend und vernünftig wäre. Sie ist eine Belästigung, denn sie mutet allen Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft, die nicht mehr zur Schule gehen, zu, ihre Schreibsitten zu ändern und ihre gewohnten Schriftbilder zu verlieren. Wir hängen alle an unseren Schriftbildern. Stellen Sie sich vor, der historische Ballast in dem deutschen Wort Rhein würde gestrichen werden. Man kann dieses "h" nicht aussprechen, es ist vollkommen sinnlos. Köln am Rhein ohne "h" wäre aber ein schauderhafter Anblick.

Niemand von den 95 Millionen Benutzern deutscher Muttersprache wartet auf eine Rechtschreibreform. Dieses Ärgernis läge selbst dann vor, wenn die Reform dringend und vernünftig wäre. Dringend ist sie schon gar nicht, denn das Deutsche befindet sich in einem Mittelfeld der Unvernunft. Wir haben natürlich viele Torheiten in der Rechtschreibung, aber verglichen mit den Engländern und Franzosen geht es uns glänzend. Die Franzosen schreiben die Stadt Bordeaux hinten mit "eaux", aber das "o" bei Renault schreiben sie mit "ault". Wenn es also einen Grund gäbe für eine Reform, dann hätten ihn die Engländer und Franzosen. Aber die denken nicht daran. Nun müsste die Reform, wenn sie schon nicht dringend ist, da sie schon die Leute belästigt, wenigstens vernünftig sein. Und das ist sie auch nicht. Sie hat uns Hunderte Auseinanderschreibungen aufgenötigt, wo wir eigentlich zusammen schreiben wollen. Sie hat uns törichte Pedanterien und Fummeleien aufgenötigt, deren Sinn überhaupt nicht einzusehen ist. Früher schrieb man: Ich auch? fragte Maier. Jetzt soll man schreiben: Ich auch?, fragte Maier. Früher schrieb man 17jährig, jetzt soll man schreiben 17-jährig. Was für ein Unfug. Was für eine Pinselei. Was hat das mit Klarheit oder Fortschritt zu tun?

Die Reformer sind auf leisen Pfoten gekommen, haben sich mit der Kultusbürokratie verbündet - und den Leuten eine fertige Reform untergejubelt, ohne vorher eine öffentliche Debatte zu führen. Dann wäre die Reform nämlich frühzeitig gestorben. So kommt der Sturm der Entrüstung erst jetzt, weil der Punkt des furchtbaren Endes, der 1. August 2005, ins Blickfeld gerückt ist. Ich wage die Prognose, dass die Reform in Deutschland kaputt ist, dieser vereinten publizistischen Macht so angesehener Produkte wie "FAZ", "SZ" und "Spiegel" in einem erstaunlichen Bündnis mit der "Bild-Zeitung" mit ihren zwölf Millionen Lesern ist keine Kultusministerkonferenz gewachsen. Man wird, um das Gesicht zu wahren, die Reform nicht ganz widerrufen, aber zur Hälfte. Der damit verbundene finanzielle Aufwand wird gerne übertrieben, wie auch das Leiden der Schulkinder gerne übertrieben wird von den Befürwortern der Reform. Deutsche, Österreichische und Schweizer Kinder, die wieder umlernen müssen, haben nicht halb so viel zu lernen wie französische Kinder, die nicht umlernen, sondern einfach ihre vollkommen idiotische Rechtschreibung erlernen müssen. (DER STANDARD, Album, 14./15.8.2004)

Zur Person

Wolf Schneider war Verlagsleiter des "Stern", Chefredakteur der "Welt", ist Journalisten-Ausbilder und Autor des Bestsellers "Deutsch für Profis". 1994 verlieh ihm die Gesellschaft für Deutsche Sprache den "Medienpreis für Sprachkultur".

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