Schaden ohne Freude

29. Oktober 2004, 12:14
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Für eine Reform der Rechtschreibreform! Ein Beitrag von Alois Brandstetter

Ich habe wiederholt gegen die neue Rechtschreibung angeschrieben, zuletzt wohl auch in neuer Rechtschreibung... Auch wurde mir wie anderen Autoren, die gegen die Reform waren, von mancher Redaktion und manchem Lektor mancher Text "zwangsreformiert". In der Zwickmühle zwischen Nichtgedrucktwerden oder "Reformation", habe ich doch dem Zeitgeist nachgegeben. Mir fehlt auch sonst die Begabung zum Märtyrertum. Da ich also von Anfang an gegen die Rechtschreibreform war, bin ich über die jetzige "Gegenreformation" nicht unglücklich. Der Schaden, den mehr die so genannten Reformer als die Reformgegner angerichtet haben, ist aber so groß, daß keine rechte Schadenfreude aufkommen will...

Grundsätzlich bin ich dafür, daß die Übergangsfrist geräumig verlängert wird, daß die Änderungen neu überdacht und schätzungsweise zwei Drittel davon rückgängig gemacht werden. Ich habe relativ unpolemisch, wie ich meine, gegen alle fünf Kategorien von Veränderungen sachlich argumentiert. Ohne mich zu wiederholen, verweise ich auf jene Ungereimtheiten bei der Groß- und Kleinschreibung, das Wort leid kann auch ein Adjektiv bzw. ein Adverb und darum klein zu schreiben sein, wie andererseits ja auch gut (das tut gut) ein Substantiv sein kann. Geärgert hat mich, der ich Brandstetter und nicht Brandstätter heiße, natürlich die Gämse, aufwändig und Quäntchen. Dann hätte man ja auch auf wänden statt wenden ändern müssen. Das a hat zwei Umlaute, das alte (primäre) e und das neuere (sekundäre) ä.

Es sind ja genug alte "Emils" stehen geblieben, weil kein etymologisches Grundwort in unmittelbarer Nähe und bewußt ist. Das Sanktionieren von Volksetymologien ärgert den Sprachhistoriker: Verbläuen kommt eben nicht von blau, es hätte wie heute sein eu behalten müssen! Nicht einzusehen sind auch viele Veränderungen bei der Schreibung der Fremdwörter. Fremdwörter dürfen durchaus ein wenig fremd aussehen. Vielleicht ist aber jetzt nicht die günstigste Zeit für sachliche Differenzierungen. Wenn es brennt, muß man zuerst einmal löschen!

So ist also wieder einmal das Kind in den Brunnen gefallen! Die Kinder und Lehrer können einem Leid tun, wie man wohl jetzt unsinnigerweise schreiben muß, obwohl sie ja unschuldig sind. Ihnen wird vielmehr Leid angetan und zugefügt... Ich jedenfalls fühle mich nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Vater und Mann einer Lehrerin von der Reform geschädigt. Als Schriftsteller noch am wenigsten. So hat mir mein Münchner Verlag freigestellt, ob mein 2005 erscheinender Roman Der geborene Gärtner in alter oder neuer Rechtschreibung erscheinen soll. So großzügig werden die Kinder in den Schulen nicht behandelt...

Sehr bedauerlich finde ich, daß gerade Österreich den Unfug der Reform so gründlich mitgemacht hat, fast schon in vorauseilendem Gehorsam den Politikern und Bürokraten und ihren "philologischen" Helfershelfern gegenüber. Jetzt sind wir in Gefahr, daß wir auf der Reform sitzen und übrig bleiben. Diesmal löffeln wir eine Suppe aus, die uns auch die Deutschen eingebrockt haben, uns modernen Eigenbrötlern... Die Schweizer haben sich wie die Neue Zürcher Zeitung ja schon immer einige Freiheiten herausgenommen. Diese Eigenmächtigkeiten bei der ss- und ß-Schreibung könnten auch als Relikt der "Reform" übrig bleiben. Bald könnte das "österreichische Deutsch" auf eine nicht wünschenswerte Art Wirklichkeit werden. Es könnte uns dann wie jenen französisch sprechenden Afrikanern gehen, von denen sich die Académie française in Paris ja auch nichts dreinreden läßt, wie das Französische auszusehen habe. Unser Paris liegt in Mannheim. Und die Akademie heißt in unserem Fall "Institut für deutsche Sprache" und "Dudenredaktion". Da sollten wir uns auch von den hiesigen Reformern kein X für ein U vormachen lassen! (Alois Brandstetter/DER STANDARD, Album, 14./15.8.2004)

Zur Person

Alois Brandstetter ist Schriftsteller und Professor an der Universität Klagenfurt. Sein Beitrag wurde in alter Rechtschreibung verfasst.

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    foto: der standard
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