Lebendigkeit auf der Durchreise

8. September 2004, 15:05
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London Symphony Orchestra in Salzburg

Salzburg - Nach Möglichkeiten und nach programmatischen Maßgaben sind wichtige Gastorchester der Festspiele in übergeordnete Planungen eingebunden - eine veranstalterische Umsicht, die angesichts der heutigen Tournee- und Kostenzwänge nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Freilich ließe sich eine solche Integration noch einleuchtender realisieren, wenn die Geladenen für mehrere, mindest aber für zwei Termine verfügbar wären.

Im Allgemeinen jedoch fahren die großen, renommierten Orchester mit ihrem "eigenen" Repertoire - bestens studiert und natürlich auch den Vorstellungen des Dirigenten angepasst. So gestaltete sich das Gastspiel des London Symphony Orchestra unter der Leitung von Dirigent Andrew Davis als eine jener akustischen Durchreise-Verfügungen auf hohem instrumentalen Niveau, so wie man das Ensemble aus der britischen Hauptstadt seit Jahrzehnten zu schätzen weiß:

Ungemein routiniert, belastbar in allen Momenten einer Dvorák- oder Sibelius-Partitur, flexibel in allen geforderten Temporückungen, wenn nötig auch elementar in der Bereitstellung von blecherner Lebendigkeit. Doch mit Andrew Davis an der Spitze will sich über ein tönendes Vorübergehen hinaus nur wenig einstellen, was dem Richtigen und Rechtmäßigen einen Hauch von Wahrhaftigkeit, von Unverzichtbarkeit im Vorfeld des Unvergänglichen verleihen würde.

Es ist, wenn wir Jean Sibelius' düstere, unbequeme Fünfte Symphonie in dieser Londoner "Ausgabe" hören, als handelte es sich um eine klug verflochtene Folge von Zitaten und nicht eigentlich ein momentan Erlebtes. Davis schaltet und waltet als kluger Regler, aber es trägt ihn nicht fort, er hat Scheue, sich zu verschwenden.

Es ist sicher nicht angebracht, bei solcher Gelegenheit Vergleiche anzustellen, aber wer je diese Fünfte mit leonard Bernstein erlebt hat, der wird verstehen, was gemeint ist. Was noch geschah: Prominent besetzt war mit Mischa Maisky das Dvorák-Cellokonzert - und war ein weiträumiger Spielplatz für diesen in sein Instrument und - begreiflicherweise - auch in sich selbst verliebten Dompteur des sehr reichen, fordernden Klanges. (DER STANDARD, Printausgabe vom 14./15.8.2004)

Von
Peter Cossé
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