"Das ist in Wirklichkeit kein Konjunkturzyklus"

9. September 2004, 13:17
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Notenbank-Chefökonom Peter Mooslechner: Wirtschaftserholung hat zwar eingesetzt, geht aber ungewöhnlich zögerlich vor sich - Budgetprobleme sind in diesem Rahmen kaum lösbar

Wien - Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone soll nach der neuesten, am Freitag veröffentlichten Prognose der EU-Kommission im zweiten Halbjahr 2004 in einer Bandbreite von 0,3 bis 0,7 Prozent (jeweils zum Vorquartal) zulegen. Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone um 0,5 Prozent gegenüber den ersten drei Monaten gestiegen.

Peter Mooslechner, Chefvolkswirt der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) interpretiert diese Daten als "moderate, langsame Erholung, genau in unseren Erwartungen".

Das "Untypische" an dieser Konjunkturerholung sei aber, dass sie "so langsam nach oben kriecht und nicht von den Exporten beispielsweise ein Impuls massiver auf die Investitionen ausgeht". Die Fülle und vor allem Kombination an weltweiten Unsicherheitsfaktoren - vom hohen Ölpreis über die Wechselkursproblematik bis zu den Terrorbedrohungen - verhindere derzeit ein kräftigeres Anziehen der Konjunktur, sagt Mooslechner im Gespräch mit dem STANDARD.

Durchwachsenes Konjunkturbild

Auch die für das zweite Quartal vorliegenden Länderinformationen würden dieses durchwachsene Konjunkturbild bestätigen. Italien gehe in seiner Wirtschaftsleistung erneut leicht zurück, die Niederlande, die vorher relativ stark angezogen hätten, seien nun plötzlich mit minus 0,2 Prozent zum Vorquartal wieder negativ. Für Österreich liegen noch keine Daten für das zweite Quartal vor. Alle Anzeichen würden jedoch auf eine Verbesserung gegenüber dem ersten Quartal hindeuten, in dem Österreich EU-Schlusslicht beim Wachstum war. Zu all diesen Problemen komme, dass nirgendwo in Europa der private Konsum so richtig anspringe.

Ob in diesem Zusammenhang die österreichische Steuerreform nicht zum richtigen Zeitpunkt kommt? Mooslechner: "Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich die prozyklische Wirkung der Steuerreform stark kritisiert. Aber wenn die Entwicklung so weitergeht, muss man wahrscheinlich sagen, kommt sie mit Glück und zufällig zum richtigen Zeitpunkt. Niemand hat erwartet, dass die konjunkturelle Schwächephase so lange dauert."

Dauere die Erholung - so wie es derzeit ausschaue - nach vier Stagnationsjahren wirklich nur ein, zwei Jahre, wäre dies "historisch gesehen sehr ungewöhnlich und wirtschaftspolitisch für das Budget und viele anderen Dinge sehr problematisch", meint der Ökonom. Dieses Szenario habe "leider eine hohe Wahrscheinlichkeit und macht es eben so schwierig, aus dieser wirtschaftspolitischen Situation herauszukommen", sagt Mooslechner.

Exakt sei der weitere Konjunkturverlauf derzeit aber nicht vorhersagbar. Selbst die Prognosen für heuer wären noch mit hohen Unsicherheiten belastet. "Ich würde aber schon erwarten, dass in Ländern wie Deutschland und Österreich irgendwann eine richtige Investitionskonjunktur zustande kommt." Ein weiterhin "jahrelanges Dahindümpeln" nach japanischem Muster sei eher unwahrscheinlich, so der "verhalten optimistische" Experte.

Erst im Nachhinein erklärbar

Das politische Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes über den Konjunkturzyklus hält er jedenfalls für nicht einhaltbar. Mooslechner: "Das hängt allein schon damit zusammen, dass wir keinen Konjunkturzyklus haben, wie man das kennt. Das ist in Wirklichkeit kein Konjunkturzyklus, sondern irgendetwas anderes, was man erst im Nachhinein in den Daten sehen wird." (Michael Bachner, Der Standard, Printausgabe, 14.08.2004)

  • Mooslechner: Das "Untypische" an dieser Konjunkturerholung sei aber, dass sie "so langsam nach oben kriecht und nicht von den Exporten beispielsweise ein Impuls massiver auf die Investitionen ausgeht".
    foto: photodisc

    Mooslechner: Das "Untypische" an dieser Konjunkturerholung sei aber, dass sie "so langsam nach oben kriecht und nicht von den Exporten beispielsweise ein Impuls massiver auf die Investitionen ausgeht".

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