Schwimmmobilie

13. Juli 2006, 17:15
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Ein Buch über Hausboote untersucht die in unseren Breiten so exotisch wirkende Lebensform

Die Wiesen sind aus Wasser, der Gehsteig heißt Steg, statt Maulwurfhügel gibt's Schaumkrönchen, und in der Garage steht ein Schinakel. Hausboote sind anders. Hausbootbewohner auch. Theoretisch sind sie in der Lage, die ganze Welt zu bereisen, ohne ihr Haus zu verlassen. Es gibt sie unter anderem in Paris, Amsterdam, im Film (Schlaflos in Seattle, Hausboot, Kap der Angst), unzählig in Asien, und ihre Metropole heißt Sausalito und liegt in Kalifornien.

Dem hierzuwasser exotisch anmutenden Wesen Hausboot hat sich die Designerin Barbara Flanagan in der Publikation "Das Hausboot Buch" angenommen. Auf gut 190 Seiten zerlegt sie historisch und technisch eine ganze Reihe maritimer Bleiben. Ein Kapitel behandelt etwa deren Auftrieb - sozusagen das Wunder allen schwimmenden Lebens. Sie berichtet von den gewachsenen Beziehungen der Hausbootbewohner zu ihren Heimstätten, erklärt die nicht unbedeutenden Unterschiede zwischen Wohnbooten, schwimmenden Häusern, deren Mischformen und geht auf die Nachbarschaftsverhältnisse am Bootssteg ein.

Nachdem man den technischen Teil des Bilderbuchs absolviert hat, geht's ans Eingemachte. Die Autorin nimmt den Leser mit an Bord von 19 Hausbooten, wo man die einzelnen Prachtstücke studieren darf. Zum Beispiel das "Edwards house" im sonnigen Sausalito: Robin Edwards, seine Besitzerin, gestaltete das einstige Landungsboot, das für eine eventuelle Japan-Invasion während des Zweiten Weltkriegs gebaut wurde, in liebevoller Fitzelarbeit zu einer Art schwimmendem Setzkasten um. Das von einem Holzofen geheizte, drei mal zehn Meter messende Zuhause lässt keinen Platz für großzügige Meublage. Wie eine dreidimensionale, schwimmende Postkarte aus der Hippie-Ära leuchtet das Schmuckstück aus einem Nest protziger und schwimmender Millionenvillen.

Auf der anderen Seite des Kontinents, in Red Hook, einem Industriegebiet in Brooklyn, liegt der 1914 gebaute holzverkleidete Schlepper "Lehigh Valley 79", aus dessen Bauch sein Besitzer David Sharps 300 Tonnen Schlamm herauspumpen musste, ehe der bis dahin traurige Kahn wieder schwamm. Heute dient das "Showboat" unter anderem als reisende Stätte für Aufführungen und Schulprogramme.

Aber auch die anderen im Buch gezeigten Schwimmmobilien zeigen vor allem, dass die Beziehung zwischen dem Hausboot und seinen Bewohnern eine ganz eigene Verbindung darstellt. Egal ob die Ursache dafür in der romantischen Bodenlosigkeit, in der Sorge vor dem Untergang oder in der wiegenden Bewegung liegt, Hausbootbewohner sind anders und dem Element, aus dem wir alle stammen, ein entscheidendes Stückchen näher. (DERSTANDARD/rondo/Michael Hausenblas/13/08/04)

Barbara Flanagan:
Das Hausboot Buch
Verlag Christian Brandstätter
€ 36.
ISBN 3-85498-311-5
  • Artikelbild
    foto: das hausboot buch
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