Kommentar der anderen: Oh, schwarze Madonna!

19. Oktober 2004, 21:18
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Martin Zimper zur Vergabepolitik von Privatradiolizenzen in Österreich

Schlager für Linz, katholische Fundis für Baden, ein Schellack-Hobbyradio für Graz - die Lizenzvergaben der KommAustria in den letzten zwei Jahren zeigen ein ernüchterndes Bild für eine Regulierungsbehörde: Diese, so hat man den Eindruck, handelt weder nach nachvollziehbaren Grundsätzen noch nach einer Linie, verhält sich aber politisch opportun. Eine Analyse schwarz-blauer Medienpolitik im Sektor Privatradio.

Mächtiger Job

Der Jurist Mag. Michael Ogris hat einen mächtigen Job: Er und nur er allein entscheidet über die Vergabe von neuen Privatradiolizenzen in erster Instanz. Was früher ein großkoalitionär besetzter Beirat erledigte, was in anderen europäischen Ländern Kommissionen klären, liegt in Österreich in den Händen einer Einzelperson. Michael Ogris ist dem Bundeskanzleramt gegenüber weisungsgebunden und wurde vom Bundeskanzler mit 1.Jänner 2004 eingesetzt. Er und sein Vorgänger Hanspeter Lehofer haben die Frequenzvergaben der letzten zwei Jahre zu verantworten und damit einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der österreichischen elektronischen Medienlandschaft. Und diese Entwicklung ist keineswegs rosig.

"Beauty-Contest"

Ein paar Beispiele: Ende Juli wurde nach einem mehrmonatigen Auswahlverfahren aus 17 Bewerbern Radio Arabella als Sieger eines "Beauty-Contests" um die Linzer Frequenz 96,7 erkoren, die immerhin 600.000 Österreicher versorgen wird. Mitbewerber waren u.a. zahlreiche Formate für junge Zielgruppen zwischen 14 und 29 Jahren (Radio Energy, ein Projekt der Gebrüder Fellner, Welle 1, Party FM) sowie eine Art "Chill-Out"-Radio namens Lounge FM. Linz als zweitgrößte Universitätsstadt voll junger Menschen und junger Subkultur muss auch künftig ohne "Szene-Radio" auskommen.

Junge Zielgruppen nicht Oldie-Hörer

Die dort bisher sendenden Privatradios Life Radio sowie Kronehit sind breite AC-Formate für die Zielgruppe 14 bis 49. Auch die Werbewirtschaft, die Privatradio letztlich finanzieren muss, will junge Zielgruppen erreichen und keine Oldie-Hörer jenseits des 50. Geburtstages.

Gegen die Werbewirtschaft

Die KommAustria, namentlich Herr Ogris, hat sich offensichtlich gegen die Werbewirtschaft, gegen die jungen Linzer und auch gegen die Musikindustrie entschieden, die sehnsüchtig auf einen Sender wartet, der aktuelle Musik spielt und nicht 35 Jahre alte Schlager (eben Arabella).

Messe zum Sendestart

Welches Konzept steht hier dahinter? Vermutlich ein politisches. Arabella ist ein Radio-Import aus dem CSU-regierten Bayern mit bayerischen Gesellschaftern, bayerischen Musikberatern und einem bayerischen Geschäftsführer. Zum Sendestart von Arabella Wien wurde eine Messe gelesen, erst dann ging es zum Bier. Dies in Kombination mit deutschsprachigen Schlagern fördert Schwarz-Blau offensichtlich gerne, nicht aber österreichische Jugend- und Szenekultur.

Rosenkranzgebete, Messen und Predigten gegen Masturbation

Mit Gottesdienst geht es auch weiter: Im Herbst 2003 vergab die KommAustria die Frequenz 93,4 die den Bezirk Baden und Umgebung versorgen kann, an den Verein (sic!) Radio Maria, einem fundamentalistischen katholischen Radio, das bereits im Bezirk Amstetten sendet und in weiteren 35 Ländern der Welt. Nationalratspräsident Khol hatte sich für "Maria" genauso eingesetzt wie diverse Bischöfe und Klöster. Radio Maria, dessen Finanzierung einmal eine breite journalistische Recherche wert wäre, sendet Rosenkranzgebete, Messen und Predigten gegen Masturbation (gehört gehört!).

Auch in Baden kam ein jugendorientiertes Programm (Party FM) oder andere Radiounternehmer, die wirtschaftlich auf dem neuen Markt auf eigenes Risiko tätig sein wollten, nicht zum Zug. Dafür ist Radio Stephansdom dort glasklar empfangbar – aus Sicht der KommAustria benötigt die Operettenstadt demnach zwei katholische Radios.

Frequenz für einen Pensionisten in Graz

Beispiel Graz: Dort wurde die letzte freie Frequenz an einen 65-jährigen Pensionisten, Herrn Werner, vergeben, der weder einen Verein und schon gar keine GmbH gründen wollte und als Nachweis seiner wirtschaftlichen Potenz sein Girokonto im steirischen Raaba nannte. Er bekam die Lizenz von der KommAustria, obwohl sich ebenfalls professionelle Radio-Unternehmer beworben haben, auch für junge Zielgruppen (zB Radio Energy).

Politisch war auch diese Entscheidung opportun: In der Steiermark darf die Styria senden (Antenne), die Mediaprint im Verbund mit Leykam (Kronehit) und ein ÖVP-naher Studentenverein, der mit Landessubventionen und Arbeitsmarktförderungen Radio macht (Soundportal). That's it. Der Pensionist hat übrigens im eigenen Garten den Sender gebaut und spielt nun täglich Schellacks ("Radio Nostalgie") auf 94,2 MHz. Wenn Herr Werner schlafen geht (etwa ab 22 Uhr), gibt es kein Programm.

"Krone" im Ruß-Land

Zuletzt: Jüngst wurde eine Lizenz für Bregenz Kronehit zugesprochen, offenbar aus einem Medienzynismus heraus, damit die "Krone" endlich doch noch nach Ruß-Land kommt. Es wurde zu einem Zeitpunkt an Kronehit vergeben, an dem deren Eigentümer Interviews über den bevorstehenden Ausstieg aus dem Radiomarkt gaben und an dem der Verkauf an die französische NRJ-Gruppe veröffentlicht war. Überspitzt formuliert: Jene, die keinesfalls mehr Radio machen wollten, erhielten die Lizenz.

Elf Lizenzverfahren, keine weitere für Party FM

Jene, die Radio machen wollen, erhalten keine. Ich selbst bin einer von ihnen. Seit mehr als vier Jahren investiere ich mein privates Geld in ein Radioprojekt namens Party FM. Es ist in Niederösterreich und im Burgenland höchst erfolgreich (zehn Prozent Tagesreichweite, sechs Prozent Marktanteil). In mittlerweile elf Lizenzverfahren erhielt Party FM keine einzige weitere Lizenz, obwohl wir für eine langfristige unternehmerische Perspektive eine Million technischer Reichweite bräuchten.

Wir haben nie den Rosenkranz gesendet, nie Frau Ferrero-Waldner interviewt, nie einer österreichischen Zeitung gehört, nie um Subventionen bei Landeshauptmann Pröll gebettelt, nie an Herrn Khol geschrieben. Vielleicht war genau das der Fehler, Herr Ogris?

Schüssel-Molterer-Morak-Kurs

Das neue Privatradiogesetz, seit 1. August wirksam, krönt die schwarz-blaue Vergabepolitik. Der Schüssel-Molterer-Morak-Kurs beschert uns bundesweite Privatradios. In deren Köpfen und nach der Logik der Vergabepraxis der KommAustria wird es sich wohl um ein katholisches Rosenkranz-Radio handeln, ein CSU-nahes Schlagerradio (Bata Illic, "Schwarze Madonna"), ein Mediaprint-Radio, das bald an Dritte verkauft wird, und irgendeine Kette der noch uneinigen Bundesländerverleger.

Dass Radio ein Medium für junge Zielgruppen und Privatradio im speziellen eine Möglichkeit für mutige Entrepreneure abseits der Verlagsoligopole ist, ist in Resteuropa und in den USA bekannt, nicht aber der jetzigen Medienpolitik und ihrem General, Herrn Ogris. Wir, die jungen Zielgruppen und die jungen Medien-Unternehmer, müssen unsere Hoffnungen wohl auf die nächste Wahl und die dann geänderte Regierung setzen.

Dr. Martin Zimper (41) ist Publizist, Medienberater und Radio-Unternehmer in Wien. Zuletzt baute er die Radiostationen Energy 104,2 Wien, 106,7 Party FM und Kronehit auf. Er ist Hauptgesellschafter und Markeninhaber von Party FM, Wiener Neustadt.

Zimpers Text erscheint auch im Branchenmagazin A3Boom.

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Party FM

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    foto: party fm
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