Die Knackpunkte für den Aufschwung

9. Februar 2005, 19:19
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Die IEA versetzt der Hoffnung auf sinkende Ölpreise einen Dämpfer: 2005 werden täglich 1,8 Millionen Barrel zusätzlich gebraucht

Die Welt verbraucht täglich mehr Öl. Damit erhalten die Hoffnungen, der ständig steigende Fasspreis könnte zum Wohle der Weltwirtschaft wieder auf einen Preis deutlich unter 40 Dollar sinken, einen Dämpfer: Am Mittwoch erhöhte die Internationale Energieagentur (IEA) ihre Verbrauchsprognose für 2004 erneut um 700.000 Fass pro Tag auf zusammen 82,2 Millionen Fass täglich.

2005 werden laut IEA zusätzliche 1,8 Millionen Fass täglich verbraucht werden.

Damit verstärkt sich auch die Angst vor den doppelten Effekten des teuren Öls, dem Anheizen der Inflation einerseits und der Abschwächung des Wachstums anderseits. Denn ein anhaltend hoher Ölpreis wirkt wie eine Steuer auf die Produktionskosten und verteuert die Produkte durch die gesamte Palette.

Gleichzeitig knabbert die durch das teurere Öl gestiegene Inflation - das schwarze Gold hat sich heuer bereits um rund 30 Prozent verteuert - bereits an den realen Einkommen der Haushalte.

Inflationsspirale

Der Chefstratege der Commerzbank, Ulrich Ramm, warnt schon vor einer "Inflationsspirale". Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo rechnet vor, dass die Teuerung durch das Öl in Österreich bereits die Lohnzuwächse frisst, reale Einkommen also sinken.

Da Unternehmen jetzt versuchen, ihre höheren Energiekosten auf die Produktpreise überzuwälzen, beginnt sich die Spirale zu drehen. Die Ankündigung höherer Gas- und Strompreise sowie Verteuerung von Grundstoffen (Kunststoffe) deuten das schon an.

Antworten die Gewerkschaften dann im Herbst mit höheren Lohnforderungen, so ist das die zweite Runde der Spirale. Eine Inflation von tendenziell 2,5 Prozent ist der Parameter für die bevorstehenden Verhandlungen.

Glacéhandschuhen

Wenn beide Seiten dabei nicht mit Glacéhandschuhen vorgehen, dann muss die Europäische Zentralbank (EZB) handeln und die Inflationsspirale "abdrehen", also die Zinsen noch heuer von derzeit zwei Prozent erhöhen. Auch das, nämlich teureres Geld für Private wie für Unternehmen, würde das Konjunkturpflänzchen würgen.

US-Notenbankchef (Fed) Alan Greenspan hat wohl deshalb das moderate Vorgehen bei der Zinsanhebung in den USA betont, als er am Dienstag die Rate von 1,25 auf 1,5 anhob. Juni und Juli waren für die Amerikaner schlechte Monate, die Konjunktur hat sich abgeschwächt und die Jobmaschine stockt.

"Die Arbeitsmarktdaten am 3. September werden zeigen, was die Fed vor den US-Wahlen noch tut", sagt Monika Rosen aus der Researchabteilung der Fondstochter Capital Invest der BA-CA. Derzeit also "Wartestellung".

Konsumenten warten ab

Auf Abwarten haben sich auch die Konsumenten in Österreich eingestellt. Denn im Export und der Sachgütererzeugung läuft der Motor, Auftragseingänge und Auftragsbestände weisen sogar einen Rekord aus.

Gleichzeitig herrscht aber weiter Konsumunlust, der Handel verliert Umsatz und die Arbeitslosigkeit ist auch im Juli (plus 0,5 Prozent) weiter gestiegen. Vier von fünf Österreichern glauben laut Marketumfrage nicht an einen Aufschwung.

Üblicher Nachzieheffekt

Diese Stimmungslage wird zwar unter Ökonomen gern als üblicher Nachzieheffekt bezeichnet, was die Hoffnung nährt, dass der Aufschwung in der Industrie zu den Verbrauchern durchsickert.

Dabei spielt aber die Psychologie mit: Real sind die Benzinpreise zwar heute um 20 Prozent billiger als vor 20 Jahren, aber das Gefühl, dass alles teurer wird und der Job wackelt, wirkt mit. Der Knackpunkt für nachhaltigen Aufschwung oder Stagflation, also Inflation ohne Wachstum, ist die weitere Entwicklung des Ölpreises und der Umgang mit seinen Folgeeffekten. (Karin Bauer/DER STANDARD Printausgabe, 12.08.2004)

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