Barrieren gegen Diskriminierung

27. September 2004, 13:44
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Das neue Gleichbehandlungsgesetz wird Personalberater, Human-Resources-Manager, Unternehmer und Gerichte vor große Herausforderungen stellen

"Die Pionierinnen hatten es 1990 am Schwersten. Sie wurden von den Arbeitgebern fallen gelassen, als sie mit ihren Problemen erstmals an die Öffentlichkeit gingen", erinnert sich Österreichs Gleichbehandlungsanwältin Ingrid Nicolay-Leitner im Gespräch mit dem KARRIEREN-STANDARD.

Nicolay-Leitner berät seit 14 Jahren Frauen in der Arbeitswelt, die von Vorgesetzten und Kollegen diskriminiert werden. In den Beratungen geht es meist um sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz und um Gleichstellung bei Einkommensfragen. Die Zahl der Beratungsfälle stieg in den letzten Jahren von 338 im Jahr 1990 auf 3398 im Jahr 2003. Die Zahl der durchgeführten Beratungen hat sich vervielfacht: von 2679 im Jahr 2000 auf 22.239 im vergangenen Jahr. "Meist genügt ein Telefonat. Eine Betreuung kann auch Jahre dauern". Ihr Team ist mittlerweile auf vier Juristinnen angewachsen.

Mit dem in Kraft treten des neuen Gleichbehandlungsgesetzes am 1. Juli könnten, so die Gleichbehandlungsanwältin, die Anfragen ansteigen. Kommen doch vier neue Punkte hinzu: Diskriminierung wegen des Alters, des Geschlechts, ethnischer und religiöser Gründe oder aufgrund der sexuellen Orientierung.

Der Befürchtung schließt sich Martina Thomasberger, in der Arbeiterkammer Wien zuständige Referentin für Gleichbehandlungsfragen, an: "Es wird spannend, wie die Gerichte die Klagen aller Betroffenen bearbeiten wollen."

Die Wiener Anwältin Alexandra Knell von Dorda Brugger Jordis erwartet die meisten Klagen im Bereich "Alter". Etwa dann, wenn der Arbeitgeber beweisen muss, warum er einen 57-jährigen Mitarbeiter, der seit 20 Jahren im Betrieb ist, plötzlich kündigt. Knell ortet "enormen Beratungsbedarf" bei den Personalchefs heimischer Betriebe. Täglich erhält sie Anrufe von Personalisten. Jetzt bietet sie Seminare zum neue Gleichbehandlungsgesetz an.

Vor den Kadi

Denn in der Personalsuche wird sich einiges verändern. Künftig werden Human-Resources-Manager und Headhunter vom Gesetzgeber vor den Kadi zitiert, die in Inseraten das Alter oder das Geschlecht des Idealkandidaten angeben. Günther Tengel, geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Jenewein & Partner GmbH, ist skeptisch: "Das Gesetz geht am Arbeitsmarkt und den Kandidaten vorbei." Tengel befürchtet bei Jobsuchenden eine Bewerbungs-Verunsicherung. Für Christian Havranek, geschäftsführender Gesellschafter von Wentner-Havranek Institut für Unternehmensberatung GmbH, nimmt das neue Gesetz eine "beratungsintensive Dimension" ein. Lydia J. Goutas, Mitglied der Geschäftsführung bei Lehner Executive Partners, meint: "Für uns Berater wird die Kandidaten-Suche härter, weil wir viel mehr Bewerbungen für eine Position erhalten werden. Dadurch verlängert sich die Dauer der Auswahl. Die Aufgabe bleibt dieselbe: die richtige Person für eine Firma zu finden." Goutas stammt übrigens aus New York: "In den USA existiert bereits seit den 60er Jahren ein Gleichstellungsgesetz (affirmative action). Dort müssen Betriebe Statistiken über das Alter ihrer Mitarbeiter führen: wer nur junge Leute beschäftigt, kann geklagt werden." (Der Standard, Printausgabe 3./5.7.2004)

Von Judith Grohmann

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