Samma Schriftdeutsche, ha?

29. Oktober 2004, 12:14
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Korrekter wäre natürlich: "Sind wir Schriftdeutsche, oder was?" Aber ist das in Zeiten wie diesen nicht eh schon gehupft wie gesprungen? - Sechs Eingaben beim Rechtschreibeamt von Christian Ide Hintze

1. Die Franzosen, die Engländer, die Spanier, die in ihren Sprachgebieten weit mehr "Abweichungen" haben als die Deutschen, sehen keinen Anlass für eine Schreibreform. Keine Sprachgruppe der Welt sieht einen Anlass. Nur die Deutschen sehen einen. Warum? Hat das etwas mit dem EU-Sprachenstreit zu tun? Oder sollten die "abweichenden" Österreicher (immer mehr bekennen sich zu ihrer Muttersprache, das Wienerische ist nach dem Zweiten Weltkrieg zur Literatursprache geworden) und Schweizer (Schwyzerdütsch wird bereits ganz offiziell in Radio und Fernsehen verwendet) wieder "auf Linie" gebracht werden?

Schon der alter Herr Duden hat gesagt: "Schreib wie du sprichst!"

2. Die Tendenz, bei unklarer Silbenschreibung auf "germanische" Wortwurzeln zurückzugreifen, ist ein Rückfall in eine Zeit, in der über die Schrift nationalistische Bestrebungen gefördert wurden. Das - schriftgeschichtlich modernere - alphabetische Prinzip (Buchstabe repräsentiert Sprechlaut) ist in jedem Fall vorzuziehen. Beispiel: alte Schreibung "Gemse" (weil so gesprochen), neue Schreibung "Gämse" (weil auf germanisch "Gams" zurückgeführt).

Diese tendenzielle Germanisierung führt mitunter zu völlig unsinnigen Formen wie "einbläuen" (welches Gremiumsmitglied war tatsächlich der Ansicht, dass das etwas mit "blau" zu tun hat?) und ist ein Affront speziell gegen das Wienerische, das - in Grammatik, Sprech- und Schreibweise - wesentlich auf slawischen, ungarischen, romanischen, jüdischen Elementen basiert.

3. Wir schreiben üblicherweise Doppelkonsonanten, um damit anzuzeigen, dass dieser Laut doppelt schnell gesprochen wird ("Mutter", "Gemma"). Wenn wir nun drei Konsonanten schreiben, müsste das - dem alphabetischen Prinzip folgend - bedeuten, dass dieser Laut dreimal so schnell gesprochen wird. Aber nein, die neue Rechtschreibung meint auch hier, dass das Alphabet nichts gilt. Die Schrift folgt nicht dem Sprechen, sie folgt irgendeinem Konzept von Schriftschrift. Keine Schriftkultur der Welt hat je den Drei-Konsonanten-Schwachsinn zur Regel erhoben. Nur wir Schriftdeutschen dürfen uns nun damit brüsten.

4. Die Schüler/innen in den Pflichtschulen lernen mit den neuen Schreibregeln nicht nur mindestens zwei linguistisch bedenkliche Tendenzen; sie lernen nicht nur, wie undemokratisch mit Sprachregeln umgegangen werden kann (Volksabstimmungen negierend über den Verordnungsweg), sie lernen damit auch leider wieder nur, wie man richtig Regeldeutsch schreibt. Und sie sehen damit - leider?, zum Glück? - auch, wie weit sich dieses Regeldeutsch mittlerweile von jener Sprache entfernt hat, die sie tatsächlich benutzen. Lest ihre E-Mails, ihre SMS-Botschaften, ihre Chatroomdialoge! Eindeutige Tendenz: Weg von der geregelten Schriftsprache, hin zur Mutter-, zur Dialekt-, zur Welt-, zur Zeichen- und Kürzelsprache. Holt sie dort ab! Packt sie bei der Sprachspiellust! Erklärt ihnen die Zusammenhänge! Schafft den "Deutschunterricht" ab und ersetzt ihn durch den "Sprach-und Schriftunterricht"!

5. Es ist ziemlich peinlich, wenn die österreichischen Gremialvertreter permanent beweisen wollen, dass sie die besseren Schriftdeutschen sind. Schon das entscheidende "Regelwerk", wurde ja 1998 als "Wiener Erklärung" in Wien verabschiedet. Und auch jetzt sind es wieder die Vertreter Österreichs, die - wie zu vernehmen ist - die streitenden Deutschen samt Schweizern und Liechtensteinern nach Wien zu einer "Geheimkonferenz" einladen.

6. Ich finde, wir sollten in Sachen "Rechtschreibreform" einen Schlussstrich ziehen, nicht noch einmal Millionen für neue Schulbücher zum Fenster hinauswerfen und im Übrigen die Angelegenheit jenen überlassen, die sie ursprünglich auch angezettelt haben. Sollen sich doch die Deutschen den Kopf darüber zerbrechen, was "gutes Deutsch" ist und uns inzwischen mit unseren Austriazismen, Viennenses usw. in Ruhe lassen! Könnte ja sein, dass sich eines Tages was eigenes Österreichisches daraus entwickelt und wir - rückblickend - später einmal sagen werden: Die misslungene Rechtschreibreform aus dem Jahre Schnee war ein erster Anstoß dazu ...

Christian Ide Hintze ist Poet und Leiter der Wiener Schule für Dichtung, der bei dieser Gelegenheit noch rasch daran erinnern will, dass Autoren und Autorinnen derselben, wie Ernst Jandl, H.C. Artmann, Lotte Ingrisch, schon 1999 in einer öffentlichen Erklärung gegen die Rechtschreibreform protestiert haben.
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