Die Gesichter des Bayon

21. März 2006, 13:21

Die Tempel von Angkor im Westen Kambodschas erzählen von der Größe des einstigen Khmer-Reichs

Brigitte Voykowitsch

Es ist wenige Minuten vor sechs Uhr. Mit einem kurzen, leisen Hupen kündigt sich En an. Noch ist der Morgen frisch und kühl, liegt eine fast ungebrochene Stille über Siem Reap. "Wir müssen vor Sonnenaufgang los", hatte En am Vortag versichert, nachdem er, zunächst nur als "Taxi" am Flughafen angeheuert, sich gleich als Führer angeboten und gemeint hatte. "Wenn das erste Licht die Dunkelheit durchbricht, sollten wir schon bei den Tempeln sein."

Über die Straße geht es aus Siem Reap im Westen Kambodschas hinaus, dann weiter über holprige Feldwege. In der Ferne ist ein anderes Moped zu erkennen. Sonst ist weit und breit niemand unterwegs. "Dort, dort", zeigt En nach einer Weile mit dem Finger nach vorne rechts, so ergriffen, als würde er Angkor zum ersten Mal erblicken. In der anbrechenden Dämmerung sind gerade erst die Konturen der fünf Türme des Haupttempels, Angkor Wat, auszumachen. "Hierher", sagt En, "kommen wir später zurück. Zuerst gehen wir zum Bayon."

Für jeden der rund einhundert Tempel, von denen der Bayon einer ist, aus dem neunten bis dreizehnten Jahrhundert, der Blüte des Khmer-Reichs, gibt es eine Zeit, zu der die Lichtverhältnisse ganz besonders sind: weil die Morgensonne alle Details der Reliefs deutlich erkennen lässt, die Mittagssonne einen gesamten Tempel in gleißendes Licht taucht oder die Abendsonne die grauen Mauern in ein warmes Rot hüllt. Am Bayon beginnen jetzt gerade die Bas Reliefs an den unteren Stufen Konturen anzunehmen. Dargestellt sind neben höfischen Szenen, Alltagsleben und Fauna vor allem Schlachten aus den insgesamt 600 Jahrhunderten, in denen die Herrscher des Khmer-Reiches, damals eines der mächtigsten in Südostasien und in seiner Ausdehnung größer als das heutige Kambodscha, ihren Sitz in Angkor hatten. Nach einer Periode des Niedergangs und Plünderungen durch die Thais zog der Hof im 15. Jhdt. in die heutige Hauptstadt Phnom Penh.

Noch knapp vor der Aufgabe Angkors aber hatte König Jayavarman VII. sich von dem bis dahin vorherrschenden Hinduismus ab- und dem Buddhismus zugewandt. Doch ist es wirklich Buddha Avalokitesvara, dessen Züge in den mehr als 200 riesigen steinernen Gesichtern am Bayon wieder gegeben sind? Dies ist, wie vieles in Angkor, nicht geklärt.

Von Tempel zu Tempel geht es dann per Moped (zu Fuß bräuchte man angesichts der Distanzen Tage). Während einige Tempel seit der westlichen "Entdeckung" Angkors vor 140 Jahren wieder dem Dschungel entrissen und restauriert wurden, sind andere bewusst unberührt geblieben: Da haben mächtige Baumstämme die Mauern gesprengt und winden sich Äste um die Steine. Erst am Nachmittag kehren wir zurück zum Angkor Wat, für viele der absolute Höhepunkt. Dem Hindu-Gott Vishnu ist dieser Tempel, im Aufbau ein symbolisches Abbild des Universums, gewidmet. Aber das ist die Theorie. Wenn die Sonne langsam sinkt und Angkor Wat zum Glühen bringt, sind zuallererst die Sinne angesprochen.

© DER STANDARD, 18. Feber 2000

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