Zeitsprünge im Mikrokosmos

6. Juni 2003, 12:52
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Palermo , eine Insel, die ihresgleichen sucht. Tausende Jahre Geschichte und Schönheit. Eine überwältigende Vergangenheit, eine verwirrende Gegenwart und eine unbestimmte Zukunft.

Palermo ist ein Wirrwarr aus architektonischen Relikten und Gegensätzen. Weil die Stadt, die Insel durch die Hände so vieler Kulturen gegangen sind? Oder weil sich hier imaginäre Linien schneiden, Linien, die von Nordafrika nach Europa, von Spanien nach Griechenland laufen. Linien, entlang derer die Heere gezogen sind, deren Masten, Segel und Rümpfe aus dem silbrigen Blau wuchsen, als sie sich dem Land näherten.

Entstanden ist Palermo zwischen Stein und Wasser, das sonnenverbrannte Gebirge im Rücken und davor die gleißende Fläche des Tyrrhenischen Meeres. Der Verkehr ist in den breiten Durchzugsstraßen und den verwinkelten Gassen der Altstadt allgegenwärtig. Beherrschend. Unverständlich flüssig. Autos, Busse und Motorroller wie Moleküle eines Gases in einer Proberöhre in regelloser Bewegung. Doch kurz bevor es zum Zusammenstoß kommt, driften sie auseinander. Immer und immer wieder. Bei ruhiger Luft stehen die hellen Wolken der Abgase über den Straßen, tanzen glitzernd im Sonnenlicht, wenn sie der Strom der Fahrzeuge umherwirbelt.

Über dem Hafen ragen Ladekräne auf. Und schwankende Halme, die Masten der Schiffe. Nur einen Steinwurf weit – hinter der Uferpromenade – zerrissene Häuser, von der Sonne gebleichte Ruinen, die Knochen der Stadt. Die Bomben des Zweiten Weltkrieges haben tiefe Wunden gerissen. Von hier ausgehend, sollte vor Jahren die Revitalisierung der zerfallenden Stadt beginnen. Geschehen ist nichts.

Viele Bewohner sind weggegangen, übrig blieben nur noch die Armen. Und jene, die sich gegen den Sog stemmen, der das Leben wegzieht. Sonst allenthalben nur Verfall. Er umklammert die Mauern, läßt sie nicht mehr los. Bald wird es zu spät sein.

Der enge, dunkle Corso Vittorio Emanuele führt lärmerfüllt in die Innenstadt hinein. Zu beiden Seiten ragen finster barocke Fassaden. Die Gesimse über den breiten Holztoren sind abgebrochen. Das Wasser hat schwarze Streifen über die Wände gezogen.

An der Kreuzung mit der Via Maqueda liegen in einem Radius von 300 m die Spuren der langen Geschichte der Insel, der Stadt: dominierend der verwirrende Überfluß des sizilianischen Barock, klar und einfach die Überreste der kurzen normannischen Periode im 11. und 12. Jh. Vier Jahre österreichischen Einflusses haben lediglich blasse Erinnerungen hinterlassen. Die Autostrada 29 führt nach Westen. Durchbricht die Felsen, schneidet durch die weiten Ebenen, die das Meer von den Bergen trennen. Dann schlingt sie sich brückenbewehrt und leitschienenbezahnt durch das Landesinnere, bevor sie die Hafenstadt Trapani erreicht.

Unweit der Straße, kurz bevor das Blau des Golfs von Castellamare aus dem Blickfeld entschwindet, liegt Segesta. Seine Bewohner traten einst schweigsam aus dem Dunkel der eigenen Vergangenheit, woher, das wissen wir nicht. Sie fügten steinerne Quader zusammen, ließen auf den sanften Hügeln eine Stadt entstehen und verschwanden wieder. Flüchteten in zufriedene Spurlosigkeit. Der dorische Tempel ragt über eine steile Schlucht, seine Säulen tragen Gebälk und Giebel. Kein Dach. Als wäre er nicht errichtet worden, sondern aus den hellen Felsen gewachsen. Langsam, Stein für Stein. Bis die Erde keine Kraft mehr hatte und ihn unvollendet ließ.

Ein lehmverkrusteter Fußweg durchteilt blühenden Ginster, führt auf eine kahle Anhöhe, den Mont Barbaro. Bis zu dem Theater aus grauem Gestein. Von hier aus konnten sie ihre Feinde sehen, als diese noch nicht mehr waren als flimmernder Staub, der über der Ebene tanzt.

Nach Süden, hinter dem Dunstatem des Landes, lag ihr größter Gegner, Selinunte, vielleicht die älteste und schönste Stätte in „Magna Graecia“. Bevor die Karthager 409 v. Chr. die Stadt überrannten und plünderten, die Mauern leer und zerrissen zurückließen. Archäologen haben die Teile zusammengefügt, aufeinandergetürmt, wiedererrichtet. Um Spuren zu finden, um sehen zu können, um zu verstehen?

Die nebelüberzogenen Berge Nordsiziliens gehen gegen Süden in endlose Hügelketten über, die schwere Erde hat sich verspielt in Falten gelegt. Dort sind viele Straßen grün. Auf der Karte heißt das „landschaftlich besonders schöne Strecke“. Und es stimmt. Alle Straßen sollten hier grün sein.

Zug durch die Zeit

Doch man darf darüber trotzdem nicht vergessen, den Zug zu nehmen. Um dem Schaffner zuzusehen, der jede Verspätung beiseite lächelt. Um die Namen von Stationen im Gedächtnis zergehen zu lassen, die an den Geschmack salziger Kapern und Oliven erinnern: Enna, Agrigento, Cefalù.

Über den Schienen, die sich blank über das Land legen, sitzen auf den Hügelkuppen die Städte. Schauen zinnenbewehrt auf die Täler hinunter. So bietet jeder schaumgekrönte, auf den kleinen, von der Zeit verbogenen Piazzas langsam geschlürfte Cappuccino die Gelegenheit zu Ausblicken.

Rostig läuft der Zug durch die Felder, durch die Städte, durch die Zeit. Schlägt auf den Schwellen den Takt. Manchmal wird er langsamer, verweilt noch ein wenig länger in der Gegenwart, kostet sie aus, läßt die Zukunft vorauseilen. Dann werden die flirrenden Striche wieder zu Zypressen, und es bleibt Zeit, den Kindern zuzuwinken.

Plötzlich durchbricht eine weiße Beule den Horizont, wächst, steigt hoch, bekommt Kanten, Furchen, Mulden, Schluchten und Täler. Ein rauchender Koloß, schneeüberzogen, legt sich über das helle Land, il mongibello. Der Berg der Berge sitzt fett und satt im Osten der Insel, über den Feldern und dem weißen Schotter der Flüsse. Gut, daß Sizilien festgewachsen ist. Der Ätna brächte es gewiß zum Kippen. Kieloben würde es durch die Stürme der Jahrhunderte treiben, zeitverloren, und seinen muschelüberzogenen Rumpf an die Sonne strecken.

Der Berg ist nicht ruhig, schläft nicht. Er grollt, zittert, bäumt sich auf, wirft sich herum. Ist ein Gefangener unter schwarzem Metall, das er selbst geschmiedet hat. Über Hunderttausende von Jahren legte er glühende Decken aus Lava übereinander. Kämme und Kare hat er geschaffen, sie wieder gefüllt und neu entstehen lassen. Der Ätna ist unzähmbar.

Der Weg zum höchsten Punkt führt über knirschende Asche, durch windzerrissene Rauchschwaden. Ein Zischen und Grollen, die Sprache des Berges. Der Blick in den Krater ist einer in die Entstehung der Erde, in das Werden und Vergehen von Kontinenten. Wer waren die ersten, die sich hier herauf wagten? Schafhirten, die ihr verschwundenes Vieh suchten? Die sich in den wirbelnden Rauch verirrten? Die sich zitternd auf den Boden warfen, als er zu beben begann? Die dann mit brennenden Augen blind auf das sichere Land, ihr Land, hinabstürzten und denen, die sie auffingen und festhielten, von tobenden Göttern stammelten, die mit glühenden Hämmern an die Wände ihrer schwarzen Hallen schlugen und Feuer hervorbrechen ließen?

Darunter, an der dunstverhangenen Küste, pulsierende Städte: Taormina, Giardini-Naxos, Catania – hingestreckt an das zerfließende Blau hinter den silbrig glänzenden Stränden. Bedroht und so oft auch von Lavaströmen zerrissen. Und doch wie tanzend, trotz ihrer Zerbrechlichkeit. Und heiter, wie ihre Bewohner. Federleicht sind ihre Antworten. Wo es hingeht? Sempre dritto, sempre dritto! – immer geradeaus.

Etwas weiter gegen Süden, in zufriedener Sicherheit, entfernt von den Auswürfen des Berges, die Stadt Sirakus. Auf ihrer Halbinsel Ortigia, die sich mit zwei steinernen lärmenden Brücken an das Festland krallt, führen alle Straßen ans Meer, durchschneiden hellenische, frühchristliche, normannische und barocke Mauern. Die steinernen Reste der Kulturen klammern sich aneinander, überwachsen sich, stützen sich. Aus den Mauern des normannischen Doms ragen die gefurchten Oberflächen griechischer Säulen. Gott kümmern keine Stile.

Hinter der Post ist Markttag. Das zerfurchte Pflaster der Straßen trägt schwer an Kisten aus Gemüse und Obst, auf den Holzpaletten strecken Fische still ihre offenen Mäuler in das immerwährende Rufen und Schreien. Aus einem Plastikeimer Tintenfische kriecht ein fleischiger Arm, saugnapfbewehrt, tastet über den Rand, sucht Wasser, fällt zurück. Stirbt einsam in dem quellenden, pochenden Leben, das ihn umgibt.

Über den Sonnenschirmen, die die Straße vom Himmel trennen, schweigen dunkle Fassaden ins klare Licht des Vormittags. Jenseits der letzten Marktstände schimmert das Meer, überzogen von einem feinen Netz weißer Schaumkämme, die der Wind aufwirft. Dahinter liegt fern eine dunkle Küste, nichts als Konturen über dem milchigen Blau, liegt festes Land, Kalabrien. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von
Albert Kostner
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