Beim indischen Autobauer Tata gilt die 48-Stunden-Woche

19. September 2004, 19:11
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Indiens Autoindustrie macht mobil: Der Hersteller im Billiglohnland sucht neuerdings auch Zutritt zum europäischen Markt

Auf dem Flughafen von Pune begrüßt nicht der Name der indischen Provinzstadt, sondern unübersehbar die Aufschrift "Willkommen in Indica City". Indica heißt der erste Personenwagen der Autosparte des großen indischen Mischkonzerns Tata.

In der Empfangshalle von Tata Motors, das etwa eine Stunde vom Flughafen entfernt liegt, prangt die Büste Jamsetji Tatas (1839-1904), dem Gründer eines Firmenimperiums, das mit Stahl und Textil groß wurde um seither in Tee, Salz, Dünger, Haushaltsgeräten, Hotels (Taj-Luxuskette), Warenhäuser, Versicherung, Stromversorgung, Telekom und Software zu diversifizieren; Uhren der Marke Titan oder Motorfahrzeuge exportiert es in die ganze Welt, seine Consultingtochter TCS ist internationale Spitze.

Heterogenes Konglomerat

Das für Börsenanleger etwas heterogene Konglomerat symbolisiert in sich die Marktöffnung und Globalisierung des indischen Subkontinentes. Es erwirtschaftet mit 210.000 Angestellten 14,3 Milliarden Dollar bei einem Reingewinn von 1,1 Milliarden Dollar (nicht konsolidierte Zahlen des Geschäftsjahres 2003/2004). Geleitet wird es heute von dem 66-jährigen Ratan Tata.

Der diskrete, unverheiratete Freizeitpilot und Mäzen - er steckt einen Drittel des Konzernreingewinns in soziale Werke - wagte 1998 den Sprung in den Weltmarkt für Kleinwagen: Der in Indien kreierte Pkw Indica ist sein Kind.

3 Millionen Fahrzeuge vom Band gerollt

"Mit den Besten der Welt mithalten", lautet das Motto von Tata Motors. Mehr als drei Millionen Fahrzeuge sind den Angaben nach bisher aus den drei Tata-Fabriken in Indien gerollt, vor allem Last- und Nutzfahrzeuge, für die Daimler-Benz von 1954 bis 1969 das Know-how lieferte. Seit sechs Jahren kommen nun die Personenwagen dazu. Vom Indica und seiner Stufenheckausführung Indigo wurden im letzten Geschäftsjahr 116.000 Stück abgesetzt, etwa zehn Prozent davon ins Ausland.

Mehr als 14.000 Menschen arbeiten auf dem riesigen Areal der Produktionsstätte in Pune - vom Walzwerk über das Akustikstudio und den Crashtest bis zum hypermodernen Spritzwerk. Die eigentliche Montageschiene im größten Hangar, unter anderem mithilfe von AVL Graz erstellt, hat durchaus westlichen Standard.

Abgesehen vielleicht von einem Detail: Trotz der Robotisierung ganzer Abläufe arbeiten bedeutend mehr Angestellte an den unregelmäßig abwechselnden Fahrzeugtypen. Die Kapazitätsgrenze der Schiene ist erreicht, der Ausbau im Gang. Alle 110 Sekunden rollt ein Pkw vom Band. Die zwei Produktionsschichten von sechs Uhr in der Früh bis Mitternacht (die dritte Schicht in der Nacht dient dem Unterhalt) dauern je acht Stunden. Sechs Tage in der Woche. Das macht 48 Wochenstunden. Und zwar bei Durchschnittslöhnen von 10.000 Rupien (knapp 200 Euros) im Monat. Der einzige freie Tag ist Donnerstag. Denn an diesem Tag liefert der Bundesstaat Maharashtra keinen Strom. So lebt Tata Motors mit den Vor- und Nachteilen des Werkplatzes Indien.

In Europa Fuß gefasst

Aus dem Ausland stammen im Indica bloß einzelne Autobestandteile: das Elektroniksystem von Bosch, die Airbags aus Schweden und die Klimaanlagen vom schwäbischen Unternehmen Behr. Der Rest ist made in India.

Venkataramani Sumantran, Chef von Tata Motors, kennt die internationale Lage, wirkte er doch 17 Jahre lang bei Autoherstellern wie Saab. "Wir wissen, dass unsere Marke im Ausland nicht bekannt ist", gesteht er freimütig. "Aber das galt vor dreißig Jahren auch für Hyundai. Und zudem glauben wir wie so viele Branchenprognosen, dass tendenziell nicht mehr die Mittelklasse, sondern der Markt der Kleinwagen - wie auch der Oberklasse - im Aufschwung ist." Dies gelte auch in Indien, wo heuer erstmals mehr als eine Million Personenwagen verkauft werden sollen. "Trotzdem ist der indische Markt zu klein für uns. Deshalb haben wir in Europa in Ländern wie Italien, Spanien und Portugal Fuß gefasst."

In England verkaufte der Tata-Vertriebspartner MG Rover seit letztem Herbst bereits 100.000 Tata-Indicas als City Rovers. Länder wie Deutschland und Frankreich sollen folgen. Einen Zeithorizont will der Tata-Motors-Chef dafür nicht nennen.

Indischer Volkswagen

Tata Motors hat noch anderes vor. Seine Ingenieure tüfteln an einem Viersitzer für gerade noch 2000 Dollar. Airbags und ähnliche Weststandards würde man vergeblich erwarten, meinte Sumantran. Das sei aber auch nicht gefragt in Märkten wie China oder Iran, wo Tata bald Indica-Werkstätten eröffnen werde. Das Vorhaben sei auf die Dritte Welt zugeschnitten - und Tata damit "globaler" als viele Fahrzeugmarken, die diese Bezeichnung gerne in Anspruch nehmen.

Stefan Brändle aus Pune
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der neue Tata Indigo Estate wurde in Genf 2003 präsentiert.

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