365 Tage Austromania

29. Dezember 2004, 15:38
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Im Jahr 2005 feiert Österreich sich selbst: 50 Jahre Staatsvertrag und Unabhängigkeit, 60 Jahre Kriegsende und Zweite Republik, 10 Jahre EU-Beitritt - Kritiker befürchten eine vergangenheitsorientierte Selbstbeweihräucherung

Im Marmorsaal des Oberen Belvedere wird derzeit gepinselt, gestemmt und gewerkt. Am 15. Mai 2005, genau 50 Jahre nach Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrags, sollen die vier Außenminister der Signatarmächte genau an jenen vier Rokokotischen sitzen, an denen auch ihre Vorgänger einst Platz nahmen - in einem originalgetreu renovierten Ambiente. Mit ein bisschen Glück - und viel diplomatischem Geschick - wird dort auch das original besiegelte Staatsvertragsdokument liegen.

Diese historische Rekonstruktion ist mit Sicherheit der protokollarische Höhepunkt des Jubiläumsjahres 2005. Zum inhaltlichen Markstein könnte der Beschluss der neuen österreichischen Verfassung werden - so sie der Konvent zeitgerecht vorlegt. Dann könnte es Kanzler Wolfgang Schüssel gelingen, seinen Vorsatz zu erfüllen: 2005 zum Jahr der "österreichischen Identität" zu machen.

Anlass genug für manche Kritiker, hinter den Festivitäten nicht viel anderes als 365 Tage andauernde "schwarze Festspiele" zu vermuten. Immerhin kann die ÖVP mit Staatsvertragsaußenminister Leopold Figl und Kanzler Julius Raab auf zwei Gründerväter der Republik verweisen - ihnen ist auch eine der beiden zentralen Ausstellungen namens "Österreich ist frei" auf der niederösterreichischen Schallaburg gewidmet. Die andere heißt "Das neue Österreich" und findet im Oberen Belvedere in Wien statt. Leicht lässt sich da die Ahnengalerie mit dem schwarzen Mister Europa (Exaußenminister Alois Mock) und Schüssel als Kanzler für das nächste Jahrtausend ergänzen.

Der Politologe Peter Filzmaier: "Solche Festivitäten begünstigen immer die Amtsinhaber und wirken systemstabilisierend. Was im Umkehrschluss für die Opposition zwangsläufig schlecht ist, weil es keine Gegenpositionen geben kann." Die ÖVP könne den Amtsinhaberbonus nutzen und im Idealfall "zur Wahl mitnehmen". Wobei, so Filzmaier realistisch, die Situation nicht anders wäre, wenn die Kanzlerpartei SPÖ hieße.

Kunststaatssekretär Franz Morak (VP), quasi der "Zeremonienmeister" (Salzburger Nachrichten) des Jubiläumsjahrs, möchte "verordnete Geschichtsbilder" jedenfalls tunlichst vermeiden.

Keine Entpolitisierung

Dennoch plant die SPÖ im Renner-Institut eine Alternativveranstaltung mit dem Titel "70 Jahre Staatsvertrag". Sie soll zeigen, wie österreichische Identität im Jahr 2025 ausschauen könnte. Verantwortlicher Karl Duffek: "Ich fürchte, die Regierungsfeiern werden offiziös, abgehoben und vergangenheitsorientiert sein." Die Grünen denken über ihren Beitrag zum Jubeljahr noch nach. Eines steht fest. Eine "Entpolitisierung" durch ständige Feiern wolle man nicht zulassen. Und Ewald Stadler, Leiter der FP-Akademie, deponiert sicherheitshalber, dass er dargestellt wissen will, "wann Österreich denn nun wirklich befreit wurde, welche Gräuel nach 1945 an der Zivilbevölkerung verübt worden sind und welchen Beitrag die Heimatvertriebenen zum Wiederaufbau geleistet haben".

Einen wichtigen Verbündeten hat die Regierung jedenfalls mit an Bord: Krone-Kolumnist Günther Nenning hat den so genannten "Austro-Koffer" zusammengestellt: eine leistbare österreichische Literaturanthologie im Taschenbuchformat.

Jene internationalen Experten, die vom Fachmedium "Zeitgeschichte" eingeladen werden, die Feierlichkeiten kritisch zu beobachten, haben also sicher genug zu tun.(Peter Mayr, Barbara Tóth/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 8. 2004)

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