Wo Wien am schönsten ist

14. September 2004, 11:08
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So ein durchschnittlicher Sommer ist auch im Journalismus eine Zeit der Stille

So ein durchschnittlicher Sommer ist auch im Journalismus eine Zeit der Stille. Die Zeitungen spiegeln die österreichische Realität wider, wie sie ist: nichts los. Da kehren die Blattmacher gelegentlich gern den Spieß um und befragen ihre Leser, statt deren stillschweigend vorausgesetzte Fragen in gewohnter Souveränität zu beantworten. Wer ist Schwerarbeiter? wollte der "Kurier" in einem Aufmacher wissen, und die "Kronen Zeitung": Kostet Benzin bald 1,50 Euro? Aber undankbar wie die Leser sind, fand es keiner der Mühe wert, die Redaktionen aufzuklären. "Die Presse" wiederum gestand ihre Ratlosigkeit in dem Aufmacher ein: Keiner weiß, was die Gesundheitsreform den Bürger kostet - ohne die Seelen ihrer Fans mit einem Fragezeichen zu belasten.

Wenn nichts los ist, haben auch Politiker größere Chancen, sich medial in ihrer ganzen Tiefe und Breite, also abgelichtet, zu präsentieren. Besonders auffällig demonstrierte neulich die "Krone" ihre politische Unabhängigkeit. Da ertappte sie Minister Pröll bei Lokalaugenschein in den Hohen Tauern, und ließ ihn, trutzig aufgestellt vor alpiner Kulisse, sagen: "Stopp dem Klimawandel ist unser Umweltziel Nr. 1."

Das war aber kein Majestätsplural, der Aktivitäten des "Lebensministers" andeuten sollte, setzt doch Pröll im Gletscherkampf auf das Bewusstsein jedes Einzelnen. "Es ist höchste Zeit, diesem Trend gegenzusteuern", ruft er zum Hudeln auf, was mit dem Bewusstsein jedes Einzelnen ja kein Problem sein dürfte.

Auf der Vis-à-vis-Seite fand sich einer der Lieblinge des Blattes bei seinem routinemäßigen wöchentlichen "Krone"-Termin abgelichtet: Stadtrat Faymann inspiziert die Pläne für die neuen Holzhäuser. Langsam sieht man sich an dem kommunalen Inspizienten müde. Andere Rote traten im Dienste des Blattes auf der nächsten Seite zur Familienaufstellung nach Dichand an. Während sich die kleine Marie für die Fähnchen der "Krone"-Aktion "Wo Wien am schönsten ist" begeistert, genießen Mama Ulli Sima und Papa Christian Oxonitsch das Urlaubsflair auf der Summerstage. Wiens rote Rathäusler täten sich vermutlich schon ziemlich schwer, ohne die "Krone" herauszufinden, wo die von ihnen verwaltete Stadt auch nur schön ist.

Höchste Zeit, dass - wiederum auf der gegenüberliegenden Seite - in einer blauen Tierecke endlich auch die Freiheitlichen zum Zug kamen. Die lustigen Ohrbüschel täuschen: Dem Luchs entgeht nichts, er ist der geborene Jäger. Und genau das gefällt dem Wiener FP-Obmann Heinz-Christian Strache so gut, dass er für eine der geschmeidigen Raubkatzen im Schönbrunner Tiergarten die Patenschaft übernahm. Erfreut wie immer, wenn sich blaue Paten im Tiergarten für die "Krone" abbilden lassen, zeigte sich auch Zoodirektor Helmut Pechlaner.

Wären lustige Ohrbüschel das einzige, was am Wiener FP-Obmann täuscht, könnte er auch dem Kärntner Landeshauptmann gefallen. Der wiederum - Ehre, wem Ehre gebührt - war in dieser Nummer auf Seite 3 als Klassenkämpfer im Trachtenjopperl abgebildet, nämlich in seiner Glanzrolle aus der Zeit der Kärntner Landtagswahl, wie er Pensionisten ihre Pensionsverluste auszahlt. Die Wiedergabe dieses Erinnerungsfotos war schon aus Aktualitätsgründen zum Stopfen des Sommerlochs notwendig.

Sie alle kommen nicht an Karl-Heinz Grasser heran. Was der Wohnbau-Stadtrat auf Landes- ist der Finanzminister auf Bundesebene. Auch er lohnt sich für die "Krone", aber dass sich in derselben Nummer, die ihm ein Cover und eine ganze Seite für sein offenes Herz für Sabrina zur Verfügung stellte, ein ganzseitiges Inserat des Finanzministeriums findet, kann gewiss nur Zufall sein. Vielleicht hat er es auch aus seinem Sozialfonds bezahlt. Prompt beteuerte eine Leserin: Ich war sehr ergriffen. Hier sieht man welch großes Herz unser Herr Finanzminister hat. . . . Wir spenden immer für das Ausland, und auf so ein entzückendes Mädchen wird vergessen. Danke Herr Finanzminister! Sie machen auch in Ihrer Freizeit (im Gegensatz zur Opposition) was Wertvolles.

Nicht nur in der Freizeit. KHG hat sich verlobt, meldete die "Krone" am selben Tag. Seit viereinhalb Monaten schwebt Finanzminister Karl-Heinz Grasser mit seiner blitzgescheiten und bildhübschen Natalia Corrales-Díez im siebten Liebeshimmel. Nun hat er sich klammheimlich mit der gebürtigen Argentinierin verlobt. Gefunkt hat 's zwischen den beiden just in KHGs Ministerium, wo Natalia, frisch von der Wirtschaftsuni, ein Praktikum absolvierte.

Noch hat sich keine Leserin dazu geäußert, ob Karl-Heinz Grasser mit diesem Funkenflugerl zwischen Minister und Praktikantin endlich einmal auch in seiner Dienstzeit was Wertvolles gemacht hat. Aber diese Spende für das Ausland könnte immerhin ein Anfang sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.8.2004)

Von Günter Traxler
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