Szenen einer Interpretationsehe

8. September 2004, 15:05
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Maxim Vengerov und Fazil Say im Großen Festspielhaus

Salzburg - Beide tragen Schwarz. Beide suchen in wallenden Hemden Festlichkeit und bequeme Lockerheit zu fusionieren. Doch nur einige Sekunden die Körpersprache der beiden in Augenschein genommen - und zweifellos werden Differenzen evident. Geiger Maxim Vengerov macht den kompakteren Eindruck, ist eine musizierende Skulptur ohne Kratzer und Schrammen.

Pianist Fazil Say ist da schon mehr in Richtung zerbrechlicher Exzentriker unterwegs. Seine Noten erfreuen sich ebenfalls eines ganzkörperlichen Einsatzes. Says Töne jedoch hinterlassen auch bei ihrem Erzeuger Spuren, machen ihn gewissermaßen zum Resonanzkörper. Er dirigiert sich scheinbar selbst wie ein Glenn Gould. Und an delikaten Stellen dreht er sich fast flehentlich zu Vengerov, damit auch die kleinste Nuance in den Genuss des gemeinsamen Atems kommt.

Es sind dies zwei unterschiedliche Wege zur Interpretation, es sind aber Wege, die sich Gewinn bringend kreuzen, wobei Say als zweifelnder, mahnender Faktor Vengerov immer wieder zu erinnern scheint, dass es nicht reicht, oberflächenselig den technischen Möglichkeiten freien Lauf zu lassen und in den Klischees romantischen Virtuosentums zu baden.

Man hat Vengerov natürlich schon sehr bemüht mit Mozart kämpfen gehört. In Wien wirkte er dabei jedoch, als hätte er sich selbst Ketten angelegt. Im Großen Festspielhaus scheint alles viel organischer. Bei Bachs h-Moll-Sonate (BWV 1014) dominiert ein schlanker, vibratoloser Zugang ohne äußere Effekte. Nur am Ende eines Tones ein zartes, quasi vokales Aufblühen. Sonst asketische Linearität, kein Griff in den Schmalztopf. Aber alles aus Überzeugung und nicht aus Selbstverleugnung.

Bei Brahms (Sonate Nr. 2 A-Dur op. 100) ist natürlich mehr emotionale Aufgeladenheit im Einsatz. Doch hier nimmt Vengerov Says Einladung zur Differenzierung an, lässt sich in die Bereiche des ziemlich Feinen entführen. Ungemein raffinierter Energieaustausch ist zu hören, wobei Says Klang- und Dynamikkultur den Tonfall vorgibt und ein bisschen tiefer ins Tragische reicht. Die Melancholie hat bei Vengerov etwas Diesseitig-Vitales.

Aber der Dialog funktioniert und ist spannend. Beethovens Kreutzer-Sonate ist dabei die krönende Mischung aus kühlservierter Thematik des Beginns und jenes nachfolgenden Ausdrucksabenteuers. Möge diese Musikehe lange halten. Und möge sie nächstes Jahr wiederkommen, aber mit einem speziellen Salzburg-Projekt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.8.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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