Le Charmant Rouge: "Post No Bill"

4. Oktober 2005, 12:15
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Post-Rock aus Wien, und mittendrin ein Sound-Alien

"Cactus" ist einer der besten Pixies-Songs, weil er eine Spannung aufbaut, die sich niemals in einem der Band-typischen euphorischen Krawumm!-Refrains entlädt, wie es zu erwarten wäre, sondern stets knapp unter diesem Level bleibt.

Auch die Stücke des Wiener Trios Le Charmant Rouge scheuen vor der Eruption zurück. Die Gitarre mollt sich an Bass und Schlagzeug entlang, gelegentlich schieben sich Piano und Synthesizer dazwischen, auf Gesang wird verzichtet. Statt Rock ist es hier Post-Rock, Trans Am und The Sea and Cake lassen grüßen, vielleicht aber besser Post-Pop: fehlt hier doch weitgehend das krachige Element (am heftigsten kommt noch das mit einem Bläsersatz versehene "Famed and favoured" daher).

Was "Post-Pop" anbelangt: Alles in allem liegen die Berliner Contriva nicht weit. Während die jedoch tempo- und akkordbedingt zumeist wie ein fröhlich durch die Landschaft rumpelnder Bummelzug klingen, sind Le Charmant Rouge insgesamt ruhiger.

Achtung, Ausnahme!

Mittendrin findet sich jedoch eine Nummer, die soundmäßig völlig aus dem Rahmen fällt: "Rosi Labouche", ein synthie-getragenes Mann-Frau-Duett, ganz im Stil der frühen Human League. Hier wird die Pop-Form, wenn auch karg-reduziert, exakt eingehalten - wie zum Beweis, dass wer Formen zerlegen will, auch ihre Zusammensetzung verstanden haben muss.

Ohnehin ist es mit dem Zerlegen hier ein bisschen so, als würde man im Photoshop den "Extrudieren"-Filter über ein Bild legen: es wird nicht völlig zerschmettert, sondern seine Bestandteile gerade soweit auseinander geschoben, dass eine potenzielle herkömmliche Komposition noch erkennbar bleibt.

Und dem einen oder anderen Wohlklang zwischendurch wollen sich Andreas Berger, Robert Pinzolits und Oliver Stotz auch nicht ganz verschließen. Ein Streicher-Arrangement versüßt die Abschlussnummer "Bender" (interessant übrigens, dass Streichinstrumente im Pop und Rock meist als Harmonie-Erhöher eingesetzt werden - angesichts des famosen Nervenzersäge-Potenzials einer Solo-Violine ...). Und "There is in my nervous system", eine Art dubbiger Nachklang zum Pop-Song "Rosi", könnte sich in der Form durchaus auf einem Album von Saint Etienne wiederfinden.

Empfehlung

... zum Kauf allgemein, unbedingt aber auch zum genauen Reinhören. Raffinierterweise ist das eingängige "Rosi Labouche" als Single ausgekoppelt (inklusive eines elektronischen Remixes und zweier Videos); wer nur diese Nummer kennt, wird vom Sound des Albums höchstwahrscheinlich überrascht sein. Umgekehrt sollten sich Post-Rock-Puristen nicht vom Synthie-Pop auf eine falsche Fährte locken lassen ... (Josefson)

Le Charmant Rouge: "Post No Bill" (Karate Joe Rec./Trost 2004)

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Das Label Karate Joe
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    coverfoto: karate joe
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