Der Rottweiler im Augarten

20. März 2006, 20:14
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Für seinen Kriminalroman "Wie die Tiere" hat Wolf Haas - fast - nichts erfunden

Wien - Jetzt ist schon wieder nichts passiert. Würde Wolf Haas auf keinen Fall schreiben. In seinen Büchern passiert immer was. Aber an so einem lauen Wochentagsvormittag, da stimmt auch das, was im Kriminalroman "Wie die Tiere" steht: "Jetzt war der Augarten ... auf einmal so menschenleer, dass das Seelische seinen großen Auftritt gehabt hat, frage nicht."

Und vor allem aber: "Die Spielplätze heute sowieso leer, weil wenn die Hundebesitzer anmarschieren, trauen sich die Eltern nicht aus dem Haus."

Quasi Einöde. In Grün

So auch an unserem Vormittag. Augarten quasi Einöde. In Grün. Ins "Awawa"-Büfett haben sich gerade einmal vier Personen zum zweiten Frühstück eingefunden. Mit "mein Name ist Haas" hat sich hier noch keiner vorgestellt, obwohl der angeblich gelegentlich hier sitzen soll. "Ich kenn' keinen Wolf Haas", grübelt die Kellnerin. "Wer soll das sein? Aber ich bin auch erst die erste Saison hier." Warum das "Awawa"-Büfett "Awawa" heißt, das weiß sie aber genau: "Das hat der Besitzer immer als Kind gesagt, wenn er ein Wasser wollte."

Christian dreht frustriert seine Runden. Um in der Kindersprache zu bleiben: Kein "Wauwau" weit und breit. "Die Hunde sind schon alle tot", greift er das Thema von "Wie die Tiere" auf. Aber mit genagelten Cookies wie im Buch geht hier keiner um. Auf der Wiese vorm Flakturm liegen zwei Mädchen, plaudern. Das Buch "Migration von Frauen und strukturelle Gewalt" liegt im Moment ungeschmökert neben der einen.

"Seelisches Problem"

Der Flakturm bei Haas: "Ein fast 50 Meter hoher Betonbunker mitten in der grünen Seele, das sieht schon ein bisschen aus, als wäre ein schwarzes, fensterloses Hochhaus direkt aus der Hölle in den Augarten hineingefahren, quasi Seelisches Problem."

Christian war vor Jahren einmal drinnen, im Flakturm. Die Tauben, ihr Dreck, tonnenweise, meterhoch: "Nur ein paar schaffen es raus. Ich hab sogar Viecher ohne Federn gesehen. Die fressen sich gegenseitig auf."

Noch einmal das Motiv des Gewaltsamen - gleich am Eingang: "Wegen Sturm im gesamten Parkbereich Lebensgefahr!", steht da, als hätte das Haas formuliert. Weil interessant: Lebensgefahr nicht nur während eines Sturmes, sondern immer - "wegen Sturm".

Aaron, der Hund

Dann aber passiert doch etwas. Taucht noch was auf. Genauer: Es passiert nicht viel - aber gestern, da war was los. Heute erscheint "Aaron". Ein Kalb von einem Rottweiler. Trottet gemütlich neben seinem Herrl daher. Heute mit Leine. Weil gestern: "Da war i vier Stund' auf da Polizei", berichtet es, das Herrl. "Nur weil da Hund ohne Beißkorb und ohne Leine war. Derschossen hätten s' ihn fast. Immer die Anzeigen wegen nix." Unrechtsbewusstsein: null-komma-nix. Genau wie bei Haas ist das: "Wo da im Augarten eine gewisse Front verläuft: sprich Hundebesitzer gegen Kinderbesitzer ... Auf der einen Seite die Hunde-Abrichter. Auf der anderen Seite die Kinder-Abrichter."

Die Zeiten sind vorbei, als Heimito von Doderer die Protagonisten seiner "Strudlhofstiege" zu einem vornehmen Tennisspiel in den Augarten schickte. Auch literarisch. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.8.2004)

  • Roman David-Freihsl und Christian Fischer fanden im Wiener Augarten vieles wie im Buch Wolf Haas' vor. Auch einen "Kampfhund" samt Herrl, das Beißkorb und Leine für unnötig hält
    foto: christian fischer

    Roman David-Freihsl und Christian Fischer fanden im Wiener Augarten vieles wie im Buch Wolf Haas' vor. Auch einen "Kampfhund" samt Herrl, das Beißkorb und Leine für unnötig hält

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