Legende im Krimipelz

13. September 2004, 21:29
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Okay es ist ein bisschen abwegig, aber stellen Sie sich vor, Sie könnten eine "Tatort"-Folge interviewen

Okay, es ist ein bisschen abwegig, aber stellen Sie sich vor, Sie könnten eine "Tatort"-Folge interviewen. Könnten Sie nach ihrer Karriere bis zum Sendetermin fragen und danach, was sie als junger Drehbuchentwurf ursprünglich mal werden wollte.

Die bundesdeutschen Episoden würden da nicht ohne Stolz erklären, dass sie immer schon in den Suspense- und Action-Bereich wollten, ein straighter Werdegang, orientiert an diesem oder jenem amerikanischen Vorbild.

Die österreichischen müssten dagegen ein bisserl herumdrucksen. Ja, eigentlich hatten sie mal anderes im Sinn: Kabarett, Volksschwank, Milieustudie, Reisemagazin, Heimatfilm. Bis ihnen schließlich die elterlichen Produzenten rieten, sich für die Karriere im Hauptabendprogramm doch zumindest pro forma den Titel "Krimi" zuzulegen. Die Harald-Krassnitzer-"Tatorte" aus der Feder des Tiroler Dramatikers Felix Mitterer sind so ein Fall verwirkter Träume. Außen Krimi, innen, ja – was?

In der vergangenen Episode "Tod unter der Orgel" musste eine barocke Orgelpfeife als Mordwerkzeug herhalten, um eine kunsthistorische Exkursion durch Kloster Arndorf/Kärnten zu legitimieren. In der aktuellen Folge, "Der Wächter der Quelle" (Sonntag, 20.15, ORF2), stirbt nun ein Einsiedler.

Ein heiliger Mann, dessen Tod eine Jungfrau auf den Plan ruft, eine sanfte Lichtgestalt, die selbstlos daran geht, einen ganzen Ort von Sünden und Sündern zu reinigen. Ihr Name: Maria. Fast erübrigt sich hier die Nachfrage: "Liebe "Tatort"-Folge, was wäre dein Wunschberuf gewesen?" Ohne Zweifel wäre "Marienlegende" die Antwort. (mcm/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.8.2004)

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    foto: orf
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