Holz hacken für den Chef

23. März 2006, 13:11
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Wer trotz Lehrstellen-mangels einen Ausbildungsplatz ergattert hat, kann sich noch nicht entspannen: Einige Unternehmer halten sich nicht an gesetzliche Vorgaben

Eigentlich sollte er lernen, was ein Elektriker zu tun hat. Sein "Lehrherr" hielt aber weniger von Ausbildung, sondern benützte seinen Lehrling mit Vorliebe als billige Arbeitskraft. Aufgabengebiet: Holz hacken.

Ein Beispiel, das leider keinen Einzelfall darstellt. Die auszubildende Verkäuferin, die als Babysitterin "missbraucht" wird, die Bürokauffrau, die beim Chef zu Hause den Rasen mäht. Diese Verstöße gegen die gesetzlichen Regelungen eines Lehrverhältnisses hätten sich in den letzten Monaten gehäuft, berichtet Robert Hergovich von der Arbeiterkammer Burgenland. Lehrlinge würden sich zunehmend über Missstände in den Ausbildungsstätten beklagen. Dabei existiert zusätzlich zu den vermehrten Beschwerden auch noch eine hohe Dunkelziffer jener, die Probleme erst gar nicht melden.

Starmania der Lehrlingsausbildung

Im Burgenland werden derzeit fast 2.800 Lehrlinge ausgebildet. Mehrere hundert Lehrlinge absolvieren die dreimonatige Probefrist, innerhalb der der Dienstgeber von Fall zu Fall entscheiden kann, ob der Jugendliche weiterhin im Betrieb ausgebildet wird. Manche Betriebe gestalten diese Zeit zu einer beinharten Auslese, klagt Robert Hergovich: "Da passiert so eine Art Starmania der Lehrlingsausbildung".

Gefährliche Probezeit

Auf den Jugendlichen liege großer Druck, wenn ein Unternehmen in der Probezeit viele Jugendliche aufnimmt, dann aber nur einige behält. Besonders schlimm für die konkurrierenden Lehrlinge: Die Aufnahmekriterien oder eben die Kündigung nach der Probezeit sind oft nicht objektiv nachvollziehbar. Werden die Jugendlichen nach der Probezeit nicht von der Firma übernommen, dann beginne "der Spießrutenlauf von Neuem", so Hergovich.

Problembranchen

Vor allem in den Bereichen Tourismus, Bau- und Baunebengewerbe gibt es außerdem immer wieder Probleme mit Überstunden. Es kommen vermehrt Klagen von Lehrlingen, dass Überstunden nicht oder nur zum Teil ausbezahlt werden. Hergovich: "Die Zahl der Beschwerden wird immer größer, es gibt in diesem Bereich leider offenbar gravierende Mängel."

Schwieriges Gastgewerbe

Auch die Tourismusgewerkschaft prangert die Missstände bei der Lehrlingsausbildung im Tourismus an. In Österreich seien Tausende junge Menschen auf der Suche nach einer Lehrstelle, der Tourismus sei aber oft nur zweite Wahl, stellte der Vorsitzende der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst (HGPD), Rudolf Kaske, fest.

Da viele Lehrlinge und Praktikanten von den Betrieben aber ausgenutzt würden, sei es aber "nicht verwunderlich, wenn jungen Menschen die Freude am Tourismusberuf vergeht". In den nächsten zwei bis drei Jahren will die Gewerkschaft zusammen mit Wirtschafts-Spitzenvertretern indes über ein neues Tourismusausbildungs- und Lohnsystem nachdenken.

Lehrstellen, die keiner will

Das Hotel- und Gastgewerbe ist eine der wenigen Branchen, wo es genügend Lehrstellen gibt. Im Tourismus kommen auf einen Lehrstellensuchenden acht freie Lehrstellen, in Tirol sei das Verhältnis sogar 1 zu 36, berichtete Kaske. Viel zu viele Unternehmer würden aber nach der Devise "jung, willig, billig" agieren. In Wien würden beispielsweise 31 Prozent der Lehrverträge im Gastgewerbe aufgelöst, bei den Friseuren seien es 41 Prozent. "Hier scheinen billige Saisonkräfte gefragt zu sein", kritisierte Kaske.

Einig sind sich Arbeitgeber- und ArbeitnehmervertreterInnen, dass Lehrlinge oft viel zu wenig über ihre Rechte Bescheid wissen. Vor allem die gesetzliche Regelung, wonach eine Lehre nicht nur Arbeitsverhältnis, sondern vor allem auch Ausbildungsverhältnis sein muss, gerät offenbar immer mehr in Vergessenheit. (az)

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