"Etwas für nichts gibt's nicht"

2. September 2004, 15:05
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Die Industrie wünscht sich Mehrarbeit ohne Lohnausgleich, der Finanzminister will Feiertage streichen. Der Sozialforscher Bernd Marin nennt das "Unfug"

Als Finanzminister Karl-Heinz Grasser im Überschwang des neoliberalen Klassenbesten vor kurzem forderte, ein paar Feiertage zu streichen, um so die heimische Wirtschaft konkurrenzfähiger zu machen, holte er sich einen Satz heiße Ohren. Feiertage sind hierzulande heilig. Ungefähr so heilig wie steuerbegünstigte Zusatzgehälter.

Die profane Betrachtung macht die Grasser-Idee (die von nicht wenigen Industriellen gut geheißen wird) aber nicht besser. Bernd Marin, Leiter des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, nennt die Diskussion darüber, ob Feiertage abzuschaffen sind oder nicht, schlicht: "Unfug". Auch die angesichts deutscher Vorstöße geforderte Verlängerung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich, um Stückkosten in der Industrie zu senken, hält er für nicht besonders durchdacht. "Mehr arbeiten macht nicht automatisch reicher. Lange arbeiten ist für sich noch keine Tugend", sagte er am Donnerstag vor Journalisten.

"Systemfremd"

Zum einen sei die Forderung ganz und gar systemfremd: "Etwas für nichts gibt's in der Wirtschaft nicht." Zum anderen würden sämtliche Kostenvorteile durch Demoralisierung und verlängerte Krankenstände wieder aufgefressen, ist Marin überzeugt. Er plädiert hingegen für Arbeitszeitverknappung. In Kombination mit flexibleren Arbeitszeitmodellen wäre diese "eine Produktivitätspeitsche". "Hier liegen noch Goldadern", so der Sozialexperte. Das Stichwort für alle Beteiligten sollte "Flexicurity, wie in Holland" sein - flexible Modelle bei höchstmöglicher Sicherheit für Arbeitnehmer.

Erfolgreiche Beispiele finde man in der Automobilindustrie - etwa beim BMW-Motorenwerk in Steyr. Dort könne man 18 Schichten pro Woche fahren, trotzdem haben Mitarbeiter um bis zu fünf Wochen zusätzlich Freizeit im Jahr.

Kulturrevolution

Marin fordert weiters eine "ehrliche Viertagewoche", denn: "Eine verschlampte De-facto-Viertagewoche, über das Jahr gerechnet, haben wir ja schon." Dabei müssten die freien Tage nicht unbedingt auf das Wochenende fallen, sondern rollieren (Zuschläge für das Wochenende sollten aber "in Europa aus Tradition" weiter gezahlt werden, ebenso wie für Nachtschichten, Schwerarbeit und Arbeit auf Abruf). Diese "Kulturrevolution" sollte, so Marin, mit höchstmöglicher Wahlarbeitszeit und Lebensarbeitszeitkonten gekoppelt werden.

Erhard Fürst, Chefökonom der Industriellenvereinigung, sagt zum STANDARD, er sei "grundsätzlich mit dem Herrn Professor Marin" einverstanden. Sein Haus habe keine generelle Arbeitszeitverlängerung gefordert, sondern "Flexibilität je nach dem Bedürfnis der einzelnen Unternehmen. Und eine Arbeitszeitverlängerung wäre nur eine Form der Flexibilisierung bei einzelnen Firmen. Aber die wären in der Minderheit."

Möglichkeiten zur Flexibilisierung

Georg Kovarik vom volkswirtschaftlichen Referat des ÖGB, sagt: "Wir haben die Möglichkeiten zur Flexibilisierung im Kollektivvertrag und es gibt genug Beispiele. Die sind möglicherweise zu wenig bekannt." Kovarik nennt Austria Tabak mit gleitenden Arbeitszeiten, erweiterten Durchrechnungszeiträumen, oder die Banken mit dem Bandbreitenmodell und Ansparmodell. Kovarik: "An sich wird Österreich in Sachen Flexibilität sogar von der OECD gelobt - nicht gerade eine Organisation, die im Verdacht steht, gewerkschaftsnahe zu sein." (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.8.2004)

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    Bernd Marin, Direktor des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, tritt für die Entkoppelung der Arbeitszeit vom Entgelt ein.

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