
Cees Nooteboom in Salzburg bei der Entgegennnahme des 'Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2003'
Standard: Sie sind in den Niederlanden als katholischer Internatszögling erzogen worden. Wie gefällt Ihnen, dem weit gereisten Autor, die katholische Festspielstadt Salzburg?
Nooteboom: So traurig es klingt: Ich habe Salzburg noch kaum gesehen. Ich bin in der Tat weit gereist - war aber nie hier. Eines ist aber klar: Je mehr Interviews ich gebe, desto weniger komme ich dazu, mir die Stadt in Ruhe anzusehen. Das tut weh. Eine Stadt zu besichtigen besteht für mich darin, allein spazieren zu gehen: stundenlang.
Standard: Welchen Eindruck haben Sie anlässlich der Staatspreisüberreichung von Bundeskanzler Schüssel gewonnen?
Nooteboom: Er ist witzig! Ich kannte ihn nur aus der Zeitung und verfolge auch nicht täglich die österreichische Politik. Aber zum Beispiel wird mein Gesamtwerk bei Suhrkamp von einer Österreicherin betreut, Susanne Schaber. Da hört man das eine oder andere. Wie das Ganze aber zusammensteckt, was es bedeutet, dazu müsste man länger hier sein. Holland ist kompliziert genug. Die feinen, kleinen Intrigen hierorts kenne ich nicht. Ich hatte von Schüssel ehrlich gesagt keine genaue Vorstellung. Schröder, den kennt man: Dem ist man begegnet. Ich darf das wahrscheinlich nicht sagen, aber in bestimmten Augenblicken erinnert mich Bundeskanzler Schüssel an Woody Allen: Weil er so schlicht ist und sich so leicht bewegt!
Standard: Sie enthalten sich in Ihrer umfangreichen Reiseliteratur aller vorschnellen Wertungen. In einem Essay über Casanovas Flucht aus den venezianischen Bleikammern stellen Sie unserer Gesellschaft aber gleichsam im Vorübergehen ein verheerendes Zeugnis aus: Wir würden in einer scheinheiligen Welt leben, die alles dazu tut, den Fundamentalismus zum Erblühen zu bringen. Das sind Sätze aus dem Jahr 2000. Fühlen Sie sich mittlerweile nicht grauenhaft bestätigt?
Nooteboom: Sowieso, natürlich. Scheinheiligkeit findet man aber wohl auch bei Ihnen, oder? Aber um über ein Land etwas Sinnvolles zu sagen, muss man ein Jahr da gelebt haben. Ich war mehrmals in Wien, in den 80er-Jahren. Es ist eigenartig: Ein ganz anderes Land als Holland ist zum Beispiel Flandern, und wir als Holländer stehen daneben, in der Position des größeren Landes. Mit Österreich verhält es sich ähnlich: Neben ihm liegt dieses Riesending namens Deutschland. Dieselbe Sprache zwar wie auch in der Schweiz, aber ...
Das andere und gleichzeitig dasselbe zu sein, beschreibt die Anomalie dieser Lage. Wir Niederländer wurden nach dem Krieg zum Beispiel sträflich unterschätzt. Ein Deutscher kann unsere Sprache ja zunächst einmal nicht verstehen. Mir gelang es erst mit der Übersetzung meines Romans Rituale ins Englische und Deutsche, diese Barriere zu durchbrechen. Dann kam Reich-Ranickis Lob dazu, plötzlich wollten zahlreiche Verleger holländische Autoren unter ihre Fittiche nehmen. Das hat unserer Literatur insgesamt sehr gut getan.
Standard: Über die Rolle des Anderen handeln Sie auch in Ihren fiktionalen Werken. Die Erzählung "Ein Lied von Schein und Sein" lassen Sie zum Beispiel in Bulgarien spielen - 1879, während der Balkankriege. Der Balkan, den Sie schildern, existiert einzig in Ihrer Einbildungskraft. Heute pflegen wir zwar nachbarschaftliche Verhältnisse in einem zusammenwachsenden Europa. Fehlt es aber nicht häufig an Neugier, an aufrichtigem Interesse?
Nooteboom: In dem Buch In den niederländischen Bergen habe ich Europa ja schon selbst vereint: den ganzen Balkan nach Holland verpflanzt. Das war der Versuch, als Einwohner eines kleinen Landes aus einem größeren Land zu kommen. In Ländern wie Tschechien oder Ungarn hat man das Gefühl einer artifiziellen Spaltung: Die gehörten einst zusammen. Mit Bulgarien und seinem orthodoxen Glauben verhält sich das natürlich wieder anders.
Ich glaube, die von Ihnen behauptete Fremdheit hat auch ihren Nutzen: Wer will, kann. Aber nicht jeder kann wollen. Dieses geistige Europa, das jetzt Tschechien enthält und Polen, hat es doch immer gegeben. Eine bestimmte intellektuelle Schicht ist zu jeder Zeit gereist und hat sich geistig anregen lassen. Das hat die Politik ja nicht für uns erfunden, sondern sie hat es künstlich entschieden - und lässt es jetzt wieder zusammenwachsen.
Standard: "Zusammenwachsen lassen" klingt nicht nach aktivem Engagement.
Nooteboom: Die Konferenz von Jalta war eine riesige Operation mit einer sehr großen Wunde - und eine totale Beleidigung der osteuropäischen Völker, die schmählich verraten wurden. Eine solche Wunde heilt man nicht in fünf Minuten und auch nicht in 15 Jahren. Es finden doch laufend Konferenzen zu osteuropäischen Fragen statt, auch in den Niederlanden. Politiker reden gerne über das "kulturelle Europa" und den "Austausch". Das enthebt sie der Notwendigkeit, über die wirklichen Probleme zu sprechen.
Standard: Das "kulturelle Europa" wäre demnach ein toter Begriff?
Nooteboom: "Man" schafft Europa, um sich für künftige Konkurrenzsituationen im globalen Maßstab zu wappnen. Die europäischen Länder brauchen einander, allein wären sie verloren. Das betrifft die politischen Verwaltungsfragen, die Regelung der Immigration, polizeiliche Aufgaben. Nicht zu vergessen die Dritte Welt, die auf uns zukommt. Worüber man aber am liebsten redet, das ist doch schon da: Ob man das noch etwas aktivieren kann ... Ich weiß es nicht. Ich lese Bücher von Spaniern, die Italiener gelegentlich auch solche von Holländern. Für jeden Interessierten ist es leichter geworden, sich auszutauschen.
Im Gegenzug entsteht natürlich ein neuer Regionalismus: Man versichert sich seiner eigenen Traditionen und seines Dialekts, um sie vor dem Verschwinden zu bewahren. Ich weiß gar nicht, ob das bewusst oder unbewusst passiert. Jedenfalls zieht es die Aufmerksamkeit von den Nachbarn ab.
Standard: Soll ein "vernünftiges" Gebilde wie Europa, das sich um einen Ausgleich von Interessen mithilfe demokratischer, kommunikativ vernünftiger Regeln bemüht, auch die Türkei aufnehmen? Um die maßvollen Kräfte in der islamischen Kultur zu stärken?
Nooteboom: Absolut. Die Türkei ist ja auch keine Idealdemokratie - aber hundertmal besser als alles, was darum herum ist. Den anwohnenden Völkern das Beispiel zu geben, dass ein muslimisches Land, das laizistisch regiert wird, Zutritt nach Europa findet, wäre ein Musterfall. Unser gesamtes Kulturerbe wurde uns im Mittelalter schließlich durch islamische Gelehrte vermittelt. Wir sind mit diesem Erbe davonmarschiert und haben eine stürmische Entwicklung genommen. Das weckt diese riesige Ranküne gegen unsere Kultur - gespeist durch Armut und Hoffnungslosigkeit. Aber wenn Sie in eine türkische Apotheke gehen, werden Sie vielleicht einen alten Vater sehen, der von seiner kleinen Tochter an der Hand geführt wird. Sie muss für ihn das Rezept abgeben, weil er das Geschriebene gar nicht entziffern kann. Und irgendwann wird sich diese nachwachsende Generation von ihren Vätern emanzipieren. Sie wird in Europa ankommen, und sie wird säkular geworden sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 8. 2004)
Der Niederländer Cees Nooteboom, 1933 in Den Haag geboren, heute wohnhaft in Amsterdam und auf Menorca, bereiste entlegene Winkel der Weltgesellschaft - und bannte seine Eindrücke in messerscharfen Essays und Reportagen. Seine fiktionalen Werke, darunter die Romane "Rituale und Allerseelen", wurden ab den 80er-Jahren auch im deutschen Sprachraum begierig aufgenommen: als elegische Abschiedserklärungen an eine zerfallende Kulturwelt. Die Übersetzungen von Nootebooms Werken sind bei Suhrkamp erschienen. (poh)
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