Chronischer Räuber will Therapie

24. Februar 2005, 19:38
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"Alle kriegen eine Psychotherapie,die Mörder, die Giftler...aber uns Räubern hilft keiner." - Gerichtsgeschichte von Daniel Glattauer

Wien - Herbert G. ist praktizierender Räuber. Erlernt hat er die Bäckerei, ausgeübt aber immer nur den Überfall. Mit 17 saß er erstmals im Gefängnis. "Und dann hat das eigentlich nie mehr aufgehört", resümiert der 44-Jährige. Die Achtzigerjahre brachten siebeneinhalb Jahre Haft, die Neunziger wurden ihm zu kurz, um elf Jahre Jahre "Stein" abzubauen.

Im Oktober vergangenen Jahres wurde er entlassen. ",Auf wiederschauen', ham's g'sagt, hoffentlich seh'ma uns nimma! Das war's auch schon", klagt er. "Alle kriegen eine Psychotherapie, die Mörder, die Giftler, sogar die Kinderschänder", beschwert er sich bei den Geschworenen: "Aber uns Räubern hilft keiner."

Spielzeugpistole

Diesmal hatte er nämlich wirklich vor, ein ordentliches Leben zu beginnen. Die zwei Gaspistolen, die er nach einigen Tagen Freiheit in Salzburg erstand, waren nur "für den äußersten Notfall" bestimmt, "falls mir das Geld ausgeht". - Das geschah ein paar Wochen später. Die Filiale in der Brigittenau stand bereits fest. "Da hab' ich mir schon vorher gedacht, wenn ich wirklich einmal eine Bank überfallen muss, dann wär' die relativ günstig." Als relativ ungünstig erwies sich die Anwesenheit eines pensionierten Kriminalbeamten im Kassenraum. Der Kunde erkannte den Überfall schon im Ansatz, packte den Räuber an der Lederjacke und zürnte: "Oida, was willst denn mit der Spielzeugpistol'n?" Herbert G. probierte es mit einem forschen "Schleich di!", verteidigte bei der anschließenden Rangelei seine Wollmütze, ließ sich vom Kunden aber die Jacke ausziehen. Dann lief er davon.

Bis die DNA-Analyse vom Gewandstück fertig war, blieb dem Salzburger noch Zeit für einen Überfall auf eine Meidlinger Postfiliale. Als ihn die Polizei wenig später ausforschte, waren von den erbeuteten 16.000 Euro nur noch 6000 Euro da.

Herbert G. wird diesmal zu 13 Jahren Haft verurteilt. Das betrübt ihn nicht. Im Gefängnis findet er sich besser zurecht als draußen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausagbe 5.8.2004)

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