Literarische Liegewiese

8. September 2004, 14:55
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Tankred Dorsts "Merlin", gelesen im Salzburger Landestheater

Salzburg - Man wird wohl noch träumen dürfen! Unter anderem vom Mut der Salzburger Festspiele, ein zentrales Theaterstück der vergangenen 25 Jahre auch in Szene zu setzen und es nicht bei einer gestisch-mimisch angereicherten Marathonlesung im Landestheater bleiben zu lassen. Beispiele für außerordentlich aufwändige Theateranstrengungen im Festspielrahmen gibt es ja, und was vor wenigen Jahren für königliche Shakespeare-Blutbäder gegolten hat, müsste auch für das imposanteste Welttheaterlandschaftspanorama unserer Tage gelten.

Tankred Dorsts monströser, mit mittelalterlichen Handschriftenfarben kolorierter Gothik-Leporello "Merlin oder das wüste Land" wäre es wert, theatralisch behandelt zu werden. Auch um den Preis des Faconschnittes am Versegewusel von rund 100 Szenen um den keltischen Zauberknilch und die Ritterrunde des Königs Arthus.

Es braucht sich doch ein moderierender Jürgen Flimm nicht einzubilden, dass vom Montag Frühabend sprießenden bis in den Dienstagmorgen wuchernden Zeilengerank aus der Luxus-Wortmanufaktur Dorst und seiner Koautorin Ursula Ehler jedes Zweiglein in Erinnerung bleiben wird, so anmutig es auch am Monumentalkörper des Fantasy-Dramenepos sitzt.

Markante Persönlichkeiten in Zivil wie Roland Renner, Werner Wölbern, Michael Maertens, Peter Maertens, Tobias Moretti, Christoph Bantzer, Sylvie Rohrer, Elisabeth Rath oder Ulli Maier mochten bis zur Erschöpfung rollenwechseln und Spannungsverhältnisse über die vokale Schiene suggerieren. Es musste trotz des schönen musikalischen Bindemittels ("Ars Antiqua Austria") bei einer theatralischen Behelfsnacht bleiben, bei der sich der hartnäckigste Hörer eine Nackenstütze am nicht vorhandenen Literatur-Liegestuhl wünschte.

Denn eines muss man dem Duo Dorst/Ehler lassen. Auch ein Vierteljahrhundert nach der Geburt dieses "Merlin" hat die Mischung aus artistischer Pseudoromantik, feinsinniger Ironie und schockierender Wortdrastik nichts von ihrem verführerischen Aroma verloren. Nach wie vor hat dieses "Unding" nichts von seiner Kraft eingebüßt. Die Figur des Teufelskindes Merlin hatte durch die Jahrhunderte den Schlüssel zum "Anderen" in der Hand.

Das wussten auch die Storyteller des Industriezeitalters wie Walt Disney, zahlreiche Kino-Meister und nicht zuletzt die Salzburger Festspielmacher, die nicht ganz unklug im Schatten von "Herr der Ringe" und "Harry Potter" dieses Jahr in keltische Mystik tauchen.

Das Hungern nach Erlösung von der Nüchternheit hat Konjunktur, der Gral wird zum mittelständischen Alltagsgerät und der skurril-rätselhafte "Merlin" hat nach einigen Jahren in der Versenkung wieder Unterhaltungswert. Von den Festspielen wird er stark unter seinem aktuellen Wert geschlagen. "Rauchen sie ein Zigarettchen und nehmen sie ein Brötchen zu sich", riet Flimm dem zahlreichen Publikum aus Angst vor dessen frühzeitiger Erschlaffung.

Der Schauspieldirektor scheint nicht gesehen zu haben, wie gierig das Parkett an den Lippen der Vortragenden hing, jeden Ton einsog. Das rundum Improvisierte der Lesetrias von "Dichter zu Gast" hat kaum jemanden gestört. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 8. 2004)

Von Anton Gugg
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