Tastende Versuche und späte Siege

8. September 2004, 14:55
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Pianist Maurizio Pollini in Salzburg

Salzburg - Die Abende des italienischen Pianisten Maurizio Pollini, wie man sie in den letzten Jahren erleben durfte, sind in ihrer pianistischen und künstlerischen Totalität längst nicht mehr jene frappierenden, überwältigenden Darbietungen technisch und physisch völlig unbehelligter, ja strahlender Klavierkunst.

Vielmehr sind es Dokumente einer fahndenden, oft in den Zeitmaßen überhitzten Annäherung an Materialien, als müsse sich der reife Pollini auf dem Podium erst einmal von schweren Lasten befreien, um im fortgeschrittenen Stadium eines Programmes sich freispielen und seinen Beethoven finden zu können. Dann erst agiert er als "Interpret", eben als Vermittler eines Werkes in der souveränen, eigenwilligen Brechung persönlicher Ansichten und Erfahrungen.

So empfand man auch seinen jüngsten Festspielauftritt mit einem reinen Beethoven-Programm. Pollini beschäftigt sich ja seit einigen Jahren mit der Totalität der 32 Sonaten. Und gelegentlich kommt auch eine CD heraus. Man gewinnt den Eindruck, als handelte es sich um insgesamt nicht eben leichte Geburten, vor allem im Bereich der frühen, von Pollini spät in seine Konzerte einbezogenen Werke.

Und auch im Großen Haus war es die D-Dur-Sonate op. 10,3, die in ihrem rasanten Kopfsatz, aber auch in den zerklüfteten Finalverwerfungen kraft der Unruhe ein flackerndes Profil erhielt, nur im Largo die ihr unverzichtbare Gemessenheit atmete. Pollini freilich gewann von Satz zu Satz an Sicherheit. Im Folgenden in der berühmten Pathétique (op. 13) - und erst recht nach der Pause, als es eine Art Himalaya-Massiv der Klavierliteratur zu besteigen galt, nämlich die Hammerklaviersonate.

Und schon waren alte Vorzüge zu rühmen, die Unwiderlegbarkeit der Detail-und Großraumentscheidungen. Erwartungsvoller Beifall. Doch wohl wegen des erlebten Überdimensionalen keine Zugabe! (cos/DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2004)

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