Gegen den Ökostrom

23. September 2004, 16:34
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Die Förderung von Ökostrom ist eine Investition in Arbeitsplätze der Zukunft

Der Spruch ist vermutlich älter als das Wasserkraftwerk Ybbs-Persenbeug, aber noch immer treffend: "Der Strom kommt nicht aus der Steckdose." Banaler Hinweis? Ja. Aber in der aktuellen Diskussion - mit Zusätzen - angebracht. Warum? Zunächst wagt heute niemand mehr zu behaupten, er sei nicht umweltbewusst. Hinter den dick gepolsterten Türen im Haus der Industrie mögen sich die Firmenbosse einig sein, dass ihnen Umweltschutz bei weitem nicht so wichtig sei, wie der Return on Investment. Aber einen PR-wirksamen Umweltbericht leisten sich alle. Die Industrie hat verdächtig schnell dem Entwurf des Wirtschaftsminister zugestimmt, in dem dieser neue Ökostromanlagen nur noch per Ausschreibungen bauen lassen will. Die Industrie rechnet damit, dass dadurch - Kostendruck unter konkurrierenden Bietern einerseits, Bürokratie andererseits - die Zahl der Neuanlagen gegen Null tendieren wird. Damit wird Österreich die ohnehin niedrig gesteckten Ziele von sechs Prozent Ökoanteil an der Stromproduktion verfehlen. Damit muss aber auch weniger "teurerer" Ökostrom bezogen werden.

Investition in die Zukunft Hier kommt das Steckdosen-Bild ins Spiel: Der "billigere" Strom stammt aus seit Jahrzehnten abgeschriebenen Kraftwerken. Die seinerzeit auch mit Milliarden gefördert wurden. Und Atomstrom, der etwa von Frankreich zu Niedrigstpreisen exportiert wird, ist auch deswegen so billig, weil Kosten - etwa für Schadensfallvorsorge - der Allgemeinheit aufgeladen werden. Nun unterstellt die Industrie der Ökostrombranche das, was ihre eigene Maxime ist: Profitdenken. Aber: Die Förderung von Ökostrom ist eine Investition in Arbeitsplätze der Zukunft. Und nicht nur das jahrelange Mitnehmen von Erträgen aus einer dunklen, monopolistischen Vergangenheit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.8.2004)

Leo Szemeliker
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