Berechtigte Zweifel

23. September 2004, 16:34
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Michael Bachner teilt die Ansicht des deutschen Finanzministers, sich nicht mehr auf Prognosen zu verlassen

Lang, lang ist's her. Im Jahr 2000, dem letzten Hochkonjunkturjahr, betrug das Wirtschaftswachstum in Österreich 3,4 Prozent. Dann riss der Konjunkturfilm. In den Jahren 2001 bis 2003 lag das Wirtschaftswachstum bei 2,9 Prozent, aber nur wenn man die Wachstumsraten der drei Jahre zusammenrechnet.

Das ist Stagnation, manche sprechen gar von Rezession; Wirtschaftswachstum schaut anders aus. Jedenfalls können selbst langgediente Wirtschaftsforscher nicht mehr sagen, wann das letzte Mal drei Jahre hintereinander derart Flaute war.

Dementsprechend hoch ist der Druck auf Ökonomen, Notenbanker und Medienleute, den "Aufschwung" nur ja nicht kaputt-, aber wann immer möglich herbeizureden. Dabei kann sich die Prognostikerzunft nicht einmal einigen, ob nun ein Aufschwung, eine Erholung oder bloß ein verspätetes Konjunktur-Frühlingslüftchen daherkommt. Skepsis ist also angebracht, wenn auch das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen im Wirtschaftsleben seine Berechtigung haben mag.

Das Einzige, was derzeit relativ wahrscheinlich ist, ist, dass der Konjunkturhöhepunkt 2005/2006 bei maximal 2,5 Prozent Wachstum liegen wird. Mehr ist in Europa und Österreich einfach nicht drin. Unterstellt wird in sämtlichen Prognosen jedoch, dass nun quasi ad infinitum keine "externen Schocks" mehr geschehen. Da Zusatzwachstum nicht in Sicht ist, kann es in Wirklichkeit also nur wesentlich schlechter kommen.

Denn, allen ist klar: ein Anschlag etwa auf die New Yorker Börse - und sämtliche Finanzminister können sich all ihre auffrisierten Prognosen ins oft schüttere Haupthaar schmieren. Der deutsche Finanzminister Hans Eichel hat ausnahmsweise Recht. Er glaubt keine Prognose mehr. Von den oft leeren Versprechungen wird sein Budgetdefizit auch nicht kleiner. (DER STANDARD Printausgabe, 03.08.2004)

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