Spiele am Parkett der Wehmut

8. September 2004, 14:55
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Mozarts "Così fan tutte" bei den Salzburger Festspielen im großen Festspielhaus

Salzburg - Luxus muss sein, und das bedeutet: Es ist nun beileibe nicht so, dass die Künstler der letzten Osterfestspiele das sommerliche Festival zur Tabuzone erklärt hätten. Cecilia Bartoli gab ihren Salieri-Abend, man war dann aber doch irgendwie überrascht, sie - die österliche Fiordiligi - dieser Tage so entspannt durch die tourismusgeschmückte Stadt schlendern zu sehen.

Und auch Dirigent Sir Simon Rattle - zu Ostern mit seinen Berlinern in kleiner Besetzung um Mozarts Così fan tutte bemüht - wird nicht fern bleiben, vielmehr zum Festspielausklang konzertmäßig aktiv werden. Ihrer Così-Produktion allerdings blieben die Stars fern, weshalb das sommerliche Salzburg die Regieideen von Ursel und Karl-Ernst Herrmann auf wienerisch-philharmonische Grundlage stellte - und von der Besetzung her auf einen Mix aus Jugend und Routine setzte.

Nach wie vor strahlt diese elegante Produktion eine Aura des poetischen Reduktionismus aus. Nach wie vor ist die Bühne des großen Festspielhauses jener nahezu leere Raum, der mit ganz wenigen Elementen (ein Stein, ein Paravent, Licht und Farbe) auskommt und gerade dadurch die jeweilige Nähe und die Distanz der Figuren zueinander zum zentralen gestalterischen Element werden lässt.

Da verdichtet sich die Handlung, wenn sich alle auf jenem teils in den Orchestergraben hineingebauten Steg versammeln; dort weitet sich das Geschehen gleichsam zur szenischen Polyphonie, wenn dem Hauptgeschehen kleine Seitenszenen geschenkt werden, die gewisse Regieideen transparent machen: So beobachten die zwei Damen zu Beginn die Gespräche der drei Herren. Und sind also im Bilde darüber, dass ihre Integrität durch eine Wette erprobt werden soll.

Die Zeit vertreiben

Und wenn der profund agierende Wiener Staatsopernchor sich als maskierte Abendgesellschaft beobachtend und belauschend einfindet, wird auch klar, dass wir uns hier nach wie vor in einer etwas gelangweilten Gesellschaft befinden, die sich durch ein kleines Menschenexperiment die Zeit zu vertreiben gedenkt.

Wenn das Spiel langsam ziemlich ernst wird, sich das Ganze zu einer beziehungsmoralischen Tragödie mausert und es an deren Ende kein naives Zurück zu alten Beziehungen mehr gibt, dann ist indes zu bemerken, dass der Produktionstransfer in den Sommer hinein gelungen ist.

Das meint nicht nur die routiniert-grimmige Arbeit von Thomas Allen (schon bei den Osterfestspielen als Don Alfonso zu sehen); auch mit den Produktionsneulingen ist das gefährliche Spielchen spannend geblieben: Helen Donath ist hinreißend witzig als Despian, Tamar Iveri ist eine solide singende und intensiv mit sich ringende Fiordiligi.

Elina Garanca (als Dorabella) allerdings überzeugt mit mühelos und klar formulierten heiklen Tönen noch etwas mehr, würzte ihre Performance auch mit delikat-verschmitzter Rollengestaltung. Auch der 22-jährige Saimir Pirgu (als Ferrando) konnte sich schließlich freisingen und zeigte, welches tenorale Potenzial hier schlummert; souverän in jeder Hinsicht Nikola Ulivieri (als Guglielmo).

Dirigent Philippe Jordan setzt auf verhaltene Tempi. Als hätte er sich Harnoncourts Sager von Così als der traurigsten aller Opern zu Herzen genommen, zieht er den philharmonischen Wohlklang ins Melancholische, überzeugt aber als ein kleinste instrumentale Beben vermittelnder Gestalter. Ganz selten verliert er Spannung; aber Hut ab vor Jordans Fähigkeit, diesen Klang mit seinen grazilen und durchsichtigen Stärken zum Vorschein kommen zu lassen. Als "Reinkarnation" der Mozartischen Wehmut. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 8. 2004)

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