"Wer lebt, stört"

8. September 2004, 14:52
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Der "Dichter zu Gast" Tankred Dorst las mit seiner Frau Ursula Ehler aus eigenen Werken im Landestheater

Salzburg - "Wer lebt, stört" - das ist wohl ein Schlüsselsatz im Werk des deutschen Dramatikers Tankred Dorst. Der 78-Jährige gestaltete am Samstag Vormittag im Landestheater die erste von drei Lesungen. Die Salzburger Festspiele haben die Reihe "Dichter zu Gast" heuer diesem Dramatiker gewidmet. Zusammen mit seiner Frau Ursula Ehler las Dorst aus seinen 40 Dramen, einer Reihe von Drehbüchern für Kino- und Fernsehfilme sowie einigen Erzählungen und Kurzgeschichten - wie etwa "Eiszeit", "Der verbotene Garten", "Carlos" oder "Mosch".

Obwohl Dorst für die Salzburger Lesung auch Erzählungen "ausgegraben" hat, er ist und bleibt ein Dramatiker, dessen zentrales Anliegen das Beleuchten menschlicher Abgründe und des Scheiterns zu sein scheint. Formal nutzt Dorst dabei eben stets den Dialog und das Formulieren des Weltbildes in Geschichten über andere. Streit, Wut und Schuld genauso wie Faulheit, Einfältigkeit und andere menschliche Fehler finden hier ihren Ausdruck mit zwinkerndem Auge und doch tiefem Pessimismus, der viele Große des Theaters, wie Peter Zadek, Dieter Dorn, Robert Wilson oder Patrice Chereau, auf allen wichtigen Bühnen im deutschsprachigen Raum zu Inszenierungen angeregt hat.

"Beste Kritikerin"

"Meine Frau und ich haben geschrieben...meine Frau und ich werden heute lesen", so Dorst heute Vormittag zum Publikum, tatsächlich ist Ursula Ehler seine Lektorin, seine erste und "beste Kritikerin" und sein "Spiegel", ohne den er vermutlich nicht leben und nicht arbeiten könnte. Zu lesen bekam sie dennoch nicht viel, ein kurzes Geschichtchen über den Hahn aus "Der verbotene Garten" und eine Hand voll Sätze in den dialogisch gelesenen Ausschnitten aus den Dramen.

Für Morgen, Sonntag, um 11.00 Uhr hat Dorst vier junge und weitgehend unbekannte Dramatiker, nämlich Frank Conrad, Ulrike Freising, Markus Hille und Dirk Laucke, ins Landestheater geladen - "Anfänge" heißt diese Lesung, mit der der Dichter das literarische Beginnen der eigenen und fremder Karrieren in Lesungen und Gesprächen beleuchten will. Am Montag ab 18.00 Uhr wird Dorsts Schlüsselwerk "Merlin oder das wüste Land" szenisch in voller Länge gelesen, die Festspiele haben dafür nicht nur ihre King-Arthur-Schauspieler gewonnen - zum Beispiel Ulli Maier, Sylvie Rohrer, Christoph Bantzer, Michael Maertens, Roland Renner oder Werner Wölbern. Auch Schauspielchef Jürgen Flimm oder Tobias Moretti sind mit von der Partie. (APA)

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