Homo laborans

31. Juli 2004, 15:00
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Ramón Reichert über die gesellschaftspolitische Dimension von Gefängnissen

In fortgeschrittenen Ökonomien ist eine Gefängnisindustrie entstanden, in der die Arbeitskraft von Gefangenen mit Niedrigstlöhnen honoriert wird. Das mystifizierte "US-Jobwunder", die niedrige Arbeitslosenquote, basiert auf einer Kriminalisierung der Armut. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist mit einem "Niedrigstlohnprinzip" erkauft, dessen Preis soziale Exklusionen sind.

Es ist eine Konstante, die das Diskursfeld des modernen Gefängnisses prägt: das Leitbild der Arbeit. Die Anknüpfung des Gefängnisses an die wirtschaftliche Verwertung der delinquenten Arbeitskraft speist sich aus der Tradition der Arbeits- und Zuchthäuser, die in den Gesellschaften des neuzeitlichen Wirtschaftsliberalismus in vielen Teilen Europas etabliert wurden. Im Gefängnissystem der Frühaufklärung wurde schließlich die moderne Arbeitsgesellschaft modelliert. Demzufolge ist die ökonomische Ausbeutung von Inhaftierten keineswegs ein neuartiges Phänomen, das genuin der Sozialtechnologie der New Economy entspringen würde. Urform moderner Haftanstalten sind Arbeits- und Zuchthäuser, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts errichtet wurden.

Der Modellentwurf von Jeremy Benthams (1748-1832) "Panopticon" ist mehr als visuelle Kontrolltechnik. Der englische Philosoph konzipierte einen Rundbau aus mehrstöckig angeordneten Zellen, dessen Zentrum ein Überwachungsturm mit Fenstern ist. Von der Zentrale laufen Lauschröhren in jeden Trakt. Das panoptische Prinzip dauernder Überwachung mit geringstem Aufwand bildet noch heute die Grundstruktur für Gefängnisneubauten. Es fokussiert eine reibungslos funktionierende Arbeitsgesellschaft und Arbeitsauffassung, die sich zur Ethik und Selbsttechnologie verfestigen soll.

Das Benthamsche Modellsubjekt soll sich selbst als Urheber der Erziehung identifizieren und seine Bereitschaft, mehr zu arbeiten, als seinen persönlichen, intimen Willen affirmieren. Wenn nun der Wille, mehr zu arbeiten, aus uns selbst kommt, dann braucht er auch nicht mehr monetär entlohnt zu werden: Denn aus Arbeit ist Spaß geworden, Freude, Liebe. Das Gefängnis ist jener Ort, an dem diese Wiedererkennung täglich wiederholt werden muss.

Sämtliche Humanwissenschaften diskutierten die Produktivität von Gefängnisarbeit. Wie muss das Gefängnis beschaffen sein, um einen Kriminellen in einen Arbeiter zu transformieren? Das Gefängnis als Maschine der Transformation: Nach Isolation und Observation soll ein gewalttätiges und faules Subjekt in ein angepasstes, genormtes Subjekt verwandelt werden - als Anforderungen der industriellen Arbeitswelt.

Es ist das Benthamsche Modell für den sozialen Sinn der Arbeit, das sich in der US-amerikanischen Gefängniskritik der Kommunitaristen wiederfinden lässt. In ihren Debatten wird an der Gefängnisgesellschaft USA heftig Kritik geübt. Es wird argumentiert, dass repressive Systeme antiproduktiv sind, insofern sie auf die Bewirtschaftung des vom Arbeitsmarkt ausgesperrten "sozialen Kapitals" verzichten. Armutsdelinquenz verschwende systematisch Humanressourcen.

Kontrollgesellschaftliche Überlegungen haben sich allerdings schon bald der akademischen Philologie der Deleuzeschen Begriffsprägung entwunden. Es sind die Debatten der Kommunitaristen (Barber, Etzioni oder Beck), mit denen sich der Wechsel von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft vollzieht. In ihren Programmen soll das Gefängnismodell auf die Gesellschaft der New Economy ausgedehnt, die sachliche Apparatur für leidenschaftslose Repression verfeinert und mithilfe von Überwachungstechnologien erweitert werden. Mit der zunehmenden Privatisierung von Gefängnissen wird versucht, die delinquente Reservearmee an billigen Arbeitskraftrekruten zu bewahren und diese manövrierfähige Masse an Arbeitskraft einem produktiven Leistungsregime zu unterwerfen. Damit wird erneut im Gefängnis ein neues Gesellschaftsmodell manifest gemacht, nämlich jenes des gefügigen, flexiblen und Anreizen gehorchenden Arbeiters, ein Modell, das wir täglich in den Medien als normatives Leitbild zur Kenntnis nehmen müssen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 7./1. 8. 2004)

Ramón Reichert ist Medientheoretiker und unterrichtet an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz. Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung aus den Kulturrissen 03/04.
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