Der Atom ist ein Hund

31. Juli 2004, 13:00
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Bill Brysons vergnügliche Reise durch das Universum - und den ganzen Rest

Möglicherweise passt man als junger Mensch in der Schule ja deshalb nicht bei den naturwissenschaftlichen Fächern so genau auf, weil man sein weiteres Leben nicht in Angst und Schrecken verbringen will. Und wir sprechen hier nicht von Babykram wie Rentensicherung, Ausbildungsplatz oder Jobsuche. Abgesehen von der Gravitationslehre und den damit verbundenen Gefahren beim ungesicherten Fensterputz im vierten Stock: Schon allein, wenn man an die Kontinentalverschiebung und damit verbunden die Erdbeben und Vulkane denkt, wird einem ganz anders. Bloß nicht nach Kalifornien oder nach Japan ziehen! Der Yellowstone Nationalpark, ein Pulverfass!

Dazu noch weiter draußen im Universum jede Menge Unbill. Die Sonne glüht langsam aus, schwarze Löcher bedrohen uns, dank des Urknalls treibt sprichwörtlich alles, was es gibt, immer weiter auseinander. Dafür kann unser Planet jederzeit, also mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von ein Mal pro einer Million Jahre von einem der unzähligen Asteroide getroffen werden. Und was das für die Erde bedeutet, könnte man einen Dinosaurier fragen, wenn er noch ... Jedenfalls: gute Nacht!

Der amerikanische Reiseschriftsteller Bill Bryson konnte und wollte aus oben genannten Gründen auch nie so richtig aktiv am Unterricht teilnehmen. Er näherte sich in späteren Jahren lieber einer Form von professionell fröhlicher Wissenschaft, der er als durch die Welt und ihre Erscheinungen flanierender Zeitgenosse mit der Kunst des Anekdotischen beikommen wollte. Da lachte man dann nicht nur über die Eigenarten der australischen Wildnis oder des bürgerlichen Lebens im längere Zeit als Wahlheimat auserkorenen Großbritannien, sondern ulkte auch mit Galgenhumor über die tödliche Bedrohung durch Bären beim untrainierten Weitwandern an der Ostküste der USA. Und Bryson streute dazwischen getreulich recherchiertes Wissen über Naturgeschichte an den Wegesrand. Nachlesen kann man dies mittlerweile in weltweiten Sach- und Lachbuchklassikern wie Frühstück mit Kängurus, Picknick mit Bären oder Reif für die Insel.

Doch mit dem Alter kommt nicht nur die Weisheit, sondern auch der Wunsch, endlich von seinen Artgenossen ernst genommen zu werden. Wenn dann auch noch der eigene Nachwuchs dumme Fragen zu stellen beginnt, nach Kometen und woher die Wolken kommen und warum "der Atom ein Hund" (Gerhard Polt) ist, bitte sehr. Bryson begab sich wieder auf eine lange, dieses Mal dreijährige Reise. Sie führte ihn in wissenschaftliche Bibliotheken ebenso wie zu diversen Forschern vor Ort. Bryson grub sich tief durch Fachliteratur ins Erdinnere vor, wie er auch die Quarks kennen lernte, die Singularität und den Urknall auch für Eilige verstehbar machte, Einsteins Relativitätstheorie mit Kopfweh durchtauchte, Sir Isaac Newtons Gravitationslehre als Nebenprodukt eines religiösen Spinnertums festmachte, um schließlich zur ureigenen Geschichte einzubiegen: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Es ist eine seltsame, fremde Welt, in der wir leben.

Dass hier der knochentrockene, in Großbritannien geschulte Humor trotz aller gebotenen Seriosität nicht zu kurz kommt, versteht sich für Leser von Bryson von selbst. Allerdings, schlafen wird man nach diesem Wiederauffrischungskurs in Themengebieten, in denen man sich bisher gar nicht ausgekannt hat, nicht unbedingt ruhiger. Uns allen könnte schließlich jederzeit der Himmel auf den Kopf fallen! (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 31.7./1.8.2004)

Von Christian Schachinger

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    Bill Bryson:
    Eine kurze Geschichte von fast allem. Deutsch von Sebastian Vogel. € 24,90/672 Seiten, Goldmann Verlag, München 2004

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