"Überflüssige" Jugend revoltiert

30. Juli 2004, 19:27
5 Postings

Der Nazi-Putsch in Wien war schon gescheitert, als in der Steiermark und in Kärnten der SA-Aufstand losbrach

In Wien war der Putschversuch der SS bereits am Abend des 25. Juli gescheitert, die Putschisten erwartete das Strafgericht. Aber die Revolte der Nazis in mehreren Bundesländern war nicht mehr zu stoppen. Für sie, vor allem in der Steiermark, in Kärnten und Oberösterreich, war eine Radiomeldung aus Wien das Signal zum Aufstand.

In vielen Orten außerhalb der Landeshauptstädte eilten die SA-Leute zu den vorgegebenen Sammelplätzen. Insbesondere in der obersteirischen Industrieregion, im Raum Donawitz-Leoben und im steirischen Ennstal wurden Gendarmerieposten besetzt. In manchen Orten setzten die Nazis neue Bürgermeister ein. In der Nacht zum 26. Juli ging die SA überall offensiv vor. Vor allem mit Heimwehrlern und Sturmschärlern kam es zu blutigen Zusammenstößen.

Erst mit dem Einsatz des Bundesheers konnte der Aufstand niedergeschlagen werden. Es waren hasserfüllte Gegner: Auf beiden Seiten kam es zu Gräueltaten - so in Schladming, im Ausseer Land und am Pyhrnpass (den das Bundesheer erst nach Artilleriebeschuss nehmen konnte). Auch unbeteiligte Zivilisten waren unter den Opfern. In Kärnten endeten die Kämpfe am 27. Juli; besonders um den Griffener Berg, die Turracher Höhe und im Gebiet um Wolfsberg kam es zu Gefechten. Dann flüchteten Hunderte Nazis nach Jugoslawien.

Die "Österreichische Legion", eine in Bayern aus geflüchteten Nationalsozialisten gebildete Kampftruppe, sollte nach dem Misserfolg in Wien auf Hitlers Befehl nicht mehr eingreifen. Eine Gruppe, die trotzdem im Mühlviertel bei Kollerschlag zwei Zollämter besetzte, wurde von der Gendarmerie, unter Verlusten auf beiden Seiten, zurückgeschlagen. Bei einem Gefangenen wurde ein in München abgefasstes Dokument gefunden, das offenbar den Putschplan enthielt, wie er mit Theo Habicht abgesprochen war. Für die österreichische Regierung war das "Kollerschlager Dokument" der Beweis, dass die Erhebung keineswegs spontan erfolgt und von der deutschen Naziführung gutgeheißen war.

Der Historiker Kurt Bauer hat untersucht, aus welchen sozialen Schichten sich die Aufständischen zusammensetzten. Es zeigte sich, dass vor allem junge Burschen zu diesem Kampf bereit waren, Bauernsöhne, Knechte, arbeitslose Handwerksgesellen und Hilfsarbeiter. Industriearbeiter kamen insbesondere aus der deutsch geführten Alpine. Daraus lasse sich, so Bauer in seinem Buch "Elementar-Ereignis", wenn auch durch die NS-Propaganda außengesteuert und mit illusionären Hoffnungen auf eine grundlegende Änderung gespeist, "eine Revolte der 'überflüssigen Generation' gegen die Welt der Etablierten" lesen - eine irregeleitete Rebellion derer, denen die tristen Verhältnisse keinerlei Lebenschancen bieten konnten.

Es gab 223 Tote

Der Aufstand kostete 223 Menschen das Leben - 101 auf Regierungsseite, 111 aufseiten der Aufständischen (acht von ihnen wurden in Wien, fünf in den Bundesländern hingerichtet) und elf Unbeteiligte.

Adolf Hitler, der von dem Putschversuch zweifellos informiert war und sich in Bayreuth laufend über den Verlauf berichten ließ, ging nach dem Fehlschlag sofort auf Distanz, zumal Mussolini am Brenner Truppen aufmarschieren lassen hatte. Der Initiator des Putschs, "Generalinspekteur" Theo Habicht, wurde kaltgestellt, der deutsche Gesandte Kurt Rieth, der am Wiener Ballhausplatz für die Putschisten Partei ergriffen und damit die Reichspolitik bloßgestellt hatte, wurde von seinem Posten abberufen und durch Franz von Papen ersetzt.

Aus Hass gegen die austrofaschistische Regierung nahmen in der Steiermark auch einzelne Schutzbündler an dem Aufstand teil. Im Allgemeinen betrachteten die Sozialdemokraten, seit dem Februar 1934 in den Untergrund gedrängt, die Vorgänge, wie ihr Chronist Jacques Hannak schrieb, "ohne Rührung und ohne Tränen". (Manfred Scheuch/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 7./1. 8. 2004)

  • Artikelbild
    foto: der standard/bundesverlag
Share if you care.