Zweischneidiger Erfolg

30. Juli 2004, 19:01
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Von der erfolgreichen Festnahme eines Spitzenterroristen vor dem Hintergrund neuer Anschläge auf US-Einrichtungen - Von Josef Kirchengast

Keine 24 Stunden, nachdem Pakistan die Festnahme des mutmaßlichen Al-Kaida-Spitzenmannes Ahmed Khalfan Ghailani bekannt gegeben hatte, kam es am Freitag in der usbekischen Hauptstadt Taschkent zu blutigen Terroranschlägen, die sich offensichtlich gegen die Botschaften der USA und Israels richteten. Die Frau Ghailanis ist Usbekin. Auch wenn es Zufall sein sollte: Die Anschläge unterstreichen die Gefahr, die von der instabilen zentralasiatischen Region ausgehen. Stammesfehden, ethnische Konflikte, Drogenproduktion und -handel sowie permanente Menschenrechtsverletzungen durch die meisten Regime schaffen immer neuen Nährboden für Extremisten. Diesen helfen wiederum US-Militärstützpunkte, die nach dem 11. September 2001 in Usbekistan und Kirgistan eingerichtet wurden, bei der Feindbildpflege. Die Anschläge von Taschkent wirken wie ein Hohn auf das jüngste US-Lob für verschärftes Vorgehen der pakistanischen Truppen gegen Al-Kaida. Er sei skeptisch, ob das Terrornetzwerk überhaupt noch in der Lage sei, von Pakistan aus Angriffe im Ausland zu planen, meinte der Sprecher der amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan noch vor wenigen Tagen. Dabei gehört es mittlerweile zur Grundannahme westlicher Geheimdienste, dass Al-Kaida längst dezentral handelt und weit mehr ein ideologisches denn ein operatives Netzwerk ist. Zufall kann es natürlich auch sein, dass die Festnahme Ghailanis just wenige Stunden vor der Parteitagsrede des Bush- Herausforderers John Kerry mitgeteilt wurde. Vier Tage hatten die Pakistanis angeblich zur Feststellung der Identität gebraucht. Faktum ist, dass Terrorbekämpfung eines der Felder ist, auf denen Bush bei den Amerikanern gegen Kerry punktet. Bleibt allerdings die Frage, ob man die Festnahme eines mutmaßlichen Spitzenterroristen als Erfolg verkaufen kann, wenn kurz danach wieder eine US-Einrichtung zum Angriffsziel wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.7./1.8.2004)
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