Dienender Egoismus

8. September 2004, 14:52
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Mischa Maisky und Cecilia Bartoli als Salzburger-Festspiele-Solisten

Salzburg - Dem "Schönen, Wahren und Guten" sollten sich die besten Musiker unserer Tage verpflichtet fühlen. Doch wir alle - oder doch die meisten unter uns - sehen es ihnen auch nach, wenn sie nicht nur dienend, sondern auch im Sinne lebhaftesten, einträglichsten Eigennutzes unterwegs sind.

Mischa Maisky, der Cellist, war es im ersten Solistenkonzert der Festspiele, der an diese Möglichkeit der künstlerischen Doppelköpfigkeit erinnerte, nämlich mit Werken von Bach (BWV 1029), Schubert (Arpeggione-Sonate), Strawinsky (Suite italienne), de Falla (Suite populaire) und Bartók (Rumänische Volkstänze), die er in einer ihm ureigenen Mischung aus instrumentaler Selbstverliebtheit, sich selbst bespiegelnder Eitelkeit und entschieden werkbezogener Aufrichtigkeit spielerisch zelebrierte. Maisky weiß um seine Wirkung, er weiß sich künstlerisch "herzurichten", es geht ihm nicht nur nebenbei um den äußerlichen Auftritt, aber in den besten - und zum Glück nicht seltenen! - Momenten scheint er sich vom eigens gepflegten Image zu befreien, um seinem kostbaren Montagnana-"Sprachrohr" genau jene Töne zu entlocken, die den betreffenden Komponisten am Herzen gelegen haben.

Bartolis Salieri

Am besten, man schließt die Augen, wenn Maisky sich äußert. Alles Gehabe und Aufgemachte tritt zurück, und dann erweisen sich auch die kundigen, keineswegs nur anstelligen Beifügungen der argentinischen Pianistin Karin Lechner als partnerschaftliche Meinungsäußerungen weit über das reine Begleiten hinaus. Am nächsten Abend dann Cecila Bartoli mit ihrer bereits weitum bekannten Salieri-Initiatve! Ein dienendes Projekt zugunsten eines verkannten, mit Schmach bedachten Komponisten, dessen Werke durch die Begeisterung der italienischen Supergurgel in neuem Licht erschienen und erklungen sind. Mit dem Freiburger Barockorchester war es auch bei dieser Gelegenheit eine erregende Tour de force durch Salieris mannigfaltiges, keineswegs nur artiges Opern-Oeuvre.

Doch bei aller musikologischen Hilfsbereitschaft seitens der Sängerin hatten die Hörer doch ausreichend Gelegenheit, deren stimmlichen, virtuosen Eigennutz zu bewundern. Für Gesangsästheten nicht immer unproblematisch, denn Cecilia Bartoli verfärbt die Vokale, betreibt ihre Schnelligkeit mit "hinterem" Stimmsitz, aber ihre Persönlichkeit, ihre Kommunikationsfähigkeit trägt letzten Endes den Sieg davon. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.7./1.8.2004)

Von
Peter Cossé
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