Lust und Leid am Rummel

30. Juli 2004, 20:32
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Eine Freakshow im viktorianischen Stil, von ihren Betreibern, den Mieschief La-Bas aus Glasgow, auch "Rummelplatz des Schreckens" genannt

Miesschief La-Bas aus Glastow gastieren am Wochenende bei "La Strada" in Graz.


Graz - "Schmerz ist so ein weites Thema, das auf so viele Arten interpretiert werden kann", schwärmt Ian Smith, der künstlerische Leiter der schottischen Theater- und Performancegruppe Mischief-La Bas. Mit ihren "Painful Creatures", einer begehbaren Installation mit teils lebenden, spektakulär gequälten Figuren, tourt die Truppe seit Mai durch Europa. Nach Schottland, England und Frankreich, wurde nun im Grazer Augarten der "Rummelplatz des Schreckens" aufgebaut.

Das Straßentheaterfestival "La Strada", das am Freitagabend das siebte Mal in Graz eröffnet wurde, gehört dem europäischen Festivalnetzwerk "In Situ" an. Die Freakshow im Stil eines viktorianischen Zirkus, die an die Geschichte des "Elefantenmenschen" erinnert, kam durch "In Situ" an die Mur und hat auch ein paar Leichen des Grazer Künstlerduos G.R.A.M. an Bord.

Unterwegs ist das Ensemble von etwa 20 Schauspielern eigentlich das ganze Jahr. Sein Theater ist die Straße, wo es in der Tradition des "walk about theatre" (Theater in Bewegung) in Gruppen von vier bis fünf Personen ohne Vorwarnung darauf los spielt.

Die freie Zugänglichkeit ihrer Arbeit ist oberstes Credo, so Smith: "Wer für eine Produktion zur Kerntruppe hinzustoßen will oder von Freunden empfohlen wird, ist dabei. Wichtig ist die selbe Wellenlänge". In Graz wird man vom Theater am Ortweinplatz verstärkt. Freier Zugang durch freien Eintritt gilt stets auch für das Publikum.


Peepshow-Medusa

Wer seine Gratiszählkarte an den Pforten des Grazer Augartens gegen eine geheimnisvolle Tarotkarte löst, soll den Park, in dem sonst Kinder hutschen und klettern, nicht mehr wieder erkennen: Eine Medusa kann durch Seeschlitze beobachtet werden, ein heiliger Sebastian - "Ikone der Schwulen", wie Smith erklärt -, dargestellt von der New Yorker Performancekünstlerin Diane Torr, kann am Schießstand mit Pfeilen durchbohrt werden - viel lustiger als Dosenschießen!

Man spaziert weiter und trifft auf so genannte Bürokraten, die unter einem Baum ein Picknick machen wollen. Sie werden jedoch selbst von Kreaturen aus dem Geäst verzehrt - "alle, die mal Probleme mit der Steuer hatten, werden diese Station lieben", verspricht der Rummelplatzchef. Gefragt, ob das alles auch was für Kinder sei, beruhigt Ian Smith: "Oh ja! Meine Kinder, sie sind sieben und neun, werden auch da sein. In einem Käfig als Hänsel und Gretel in einem brennenden vietnamesischen Dorf." Na dann! Frau Smith, die Mama der Inhaftierten, bringt derweil als Sirene ein mittelalterliches Schiff zum Auflaufen. "Ein Riesenspaß für die ganze Familie", versichert Papa Smith.

Zu sehen ist der Spaß heute, Samstag und morgen, Sonntag jeweils ab 21 Uhr, "weil das Zwielicht der Dämmerung alles so schön transformiert". (DER STANDARD, Printausgabe, 31.7./1.8.2004)

Von
Colette M. Schmid
  • Die 100 Geköpften des Künstlers Guyan Porter erinnern an einen Soldatenfriedhof. Eine Arbeit, bei der laut Rummel-Chef Smith die meisten Besucher erst mal verstummen.
    foto: mischief la-bas

    Die 100 Geköpften des Künstlers Guyan Porter erinnern an einen Soldatenfriedhof. Eine Arbeit, bei der laut Rummel-Chef Smith die meisten Besucher erst mal verstummen.

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