Die Sperrbezirksbarone

30. Juli 2004, 20:34
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Das Wiener Lustspielhaus wurde mit "Sommernachtstraum" eröffnet

Wien - Der Grundriss zu dieser mobilen Anstalt einer sich vorsätzlich heiter gebenden Theaterverwahrlosung ist zwölfeckig. An den zusammensteckbaren Wandflächen der Rotunde prangt Lüftlmalerei. Theater, erzählen uns diese Zurüstungen "Am Hof" in der Wiener Innenstadt, sind auch nichts anderes als die festlichen Ausstülpungen von Wirtshaussälen. Jene werden heutzutage bereitwillig subventioniert, während man letztere zum Privatwirtschaften anhält. Es ist Adi Hirschal nicht vorzuwerfen, dass sein tragbares Komödienhaus schon jetzt aussieht wie eine Gschnas-Spelunke, die sich umso heiterer gibt, je trauriger ihr Inhalt ist.

Hinter dem Sperrbezirk weinroter Samtkordeln, der die proklamierte Volkstümlichkeit offenbar um die Tugend gesellschaftlicher Auslese bereichert, findet sich der Medienadel zusammen, um Hirschals Wiener Lustspielhaus mit der Weihe seines möglichst vollzähligen Erscheinens zu besprenkeln.

Die Kirmeskiste reist irgendwann weiter in die Außenbezirke. Sie enthält einen Wiener Sommernachtstraum, umgedichtet von Susanne Wolf, den man so in der Tat nirgendwo anders sehen kann. Er stützt mehr oder minder freiwillig die Wahrheit, dass die hanebüchene Zertrümmerung eines Shakespeare-Stücks um den Preis jener Lüge erkauft wird, die die Passivität der heimischen Zivilgesellschaft auch noch in die Liebenswürdigkeit des Biedermeier umdichtet.
Der Athener wird zum Wiener Wald; Titanias katastrophaler Ausflug in Schlaf und viehische Wollust zum G'spasettl einer enorm auftrumpfenden Wiener Bäckermeisterin (Brigitte Neumeister). Es wurde finster "Am Hof". Die Mittsommernacht blies das Vernunftlicht aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.7./1.8.2004)

Von
Ronald Pohl

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Wiener Lustspielhaus
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    foto: lustspielhaus
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