Bankrotteure der Redlichkeit

8. September 2004, 13:26
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Manager à la Ackermann sind die Totengräber der sozialen Marktwirtschaft - ein Kommentar der anderen von Ludwig Poullain

In Düsseldorf standen einige Herren der Wirtschaft, darunter auch ein Banker, vor dem falschen Gericht. Denn die im Strafgesetzbuch stehenden Texte können den Kern der Handlungen nicht werten. Kant: "Der Gerichtshof ist im Innern des Menschen aufgeschlagen", und "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

Es entspricht den Standards unserer Gesellschaft, dass sie das Geld, das verteilt worden ist, in das Zentrum ihrer Kritik gerückt hat. Doch nicht die Höhe der Beträge bemisst das Übel. Das liegt vielmehr in der Art, wie die Herren die Sache gemacht haben und als ihr Recht betrachten, so gehandelt zu haben: Wie sie mit ihren vor der Brust verschränkten Armen den Einzug des Gerichts erwarten, dieses Bild tut weh.

Uns in der Wirtschaft täte Demut zu empfinden, und sie mitunter auch zu zeigen, gut. Wir müssen nicht mit dem Kopf unter den Armen herumlaufen, aber ein Gespür dafür entwickeln, was in den Gemütern derer vorgeht, die nicht auf der Sonnenseite rechtssicherer Dienstverträge leben.

Wir sind Pharisäer, wenn wir nur immer wieder auf den Missbrauch sozialer Sicherungsinstrumente hinweisen, anstatt unser eigenes Tun selbstkritisch zu betrachten. Selbstkritische Gedanken scheinen einem Bankherren heute nicht mehr angemessen; das eigene Tun infrage zu stellen – ich meine: vor sich selbst, nicht gegenüber dem Aufsichtsrat –, erscheint ihm als zinsloser Aufwand.

Mich dünkt, dass an die Stelle der Pflicht, seine eigene Person, oder, falls vorhanden, seine Persönlichkeit, sich selbst mit Geist und Haut und Haaren in seine Aufgabe einzubringen, die Unverbindlichkeit gerückt ist. An die Stelle des sich auch dem Wohle dieses Landes verpflichtet fühlenden "Bankiers" ist der "Banker" getreten.

Was den Unterschied zwischen einem Bankier und einem Banker ausmacht? Der Bankier war ein vornehmer Mann, kein Vornehmtuer, er war also ein Herr, der die Kunst und die Geduld des Zuhörens beherrschte und so souverän war, seine eigene Meinung durch das, was er aufnahm, zu korrigieren. Er räumte den Ratgebern Zeit ein, und er nahm die Sorgen derer, die sich ihm anvertrauten, ernst. Er war kein Mann des schnellen Geldmachens, sondern suchte seinen Nutzen in der Beständigkeit einer Beziehung.

Ein Banker weiß alles besser

Ein Banker dagegen ist ein globaler Universeller. Er weiß nicht nur alles, er weiß auch alles besser; etwa von Abläufen in Produktion und Versand, von Forschung und Entwicklung, also von Dingen, von denen er von Haus aus nur wenig wissen kann.

Hat er sich einmal eine Meinung gebildet, steht sie unverrückbar fest. Sie ist nicht mehr diskutierbar. Am liebsten verkehrt er nur unter gleich Gekleideten. Gepflegte Tischsitten und strikte Beachtung der Regeln der Etikette gelten ihm als Ausdruck hoch entwickelter Kultur.

In den letzten zwanzig Jahren haben an der Spitze der Banken vier- bis fünfmal die Generationen gewechselt. Die heute sind um nichts schlechter, als wir, die Verflossenen, es waren. Nur anders sind sie. Den Herren der Neuzeit ist die Fähigkeit oder der Wille abhanden gekommen, sich mit ihren Institutionen zu identifizieren.

Nannte man etwa in den Siebzigerjahren den Namen Ponto, so nannte man damit gleichzeitig den Namen seiner Bank. Der Mann an der Spitze machte sich mit seiner Bank eins. Höre ich Ackermann, fallen mir Globalisierungswut und schwyzerischer Erwerbssinn ein, letzterer jedoch nur in verfremdeter Form.

Ackermann ist dabei, die Identität der Bank, die einen stolzen Namen trägt und, dies bekenne ich gerne, für mich in meiner aktiven Zeit immer ein Vorbild für Abgewogenheit im Denken und Tun war, für immer und ewig wegzugeben.

Für Kant war die "Maxime" ein Prinzip des Willens, "unangesehen der Zwecke, die durch solche Handlungen bewirkt werden können". Die Maxime hat auch Eingang in die Bankersprache gefunden, als "Gewinnmaximierung". Den Gehalt des Wortes "Maxime" total zu verkehren und dann zum Maß aller Dinge zu machen kann nicht nur Gedankenlosigkeit sein. Dies ist auch Ausdruck der Gesinnung. Gewinnmaximierung zum Hauptziel des geschäftlichen Tuns zu erklären bedeutet die Verletzung der ethischen Pflichten des Unternehmers. Zudem ist es dumm, die Gewinnmaximierung zur Maxime zu machen, weil sie kein belastbares Fundament einer Unternehmenspolitik sein kann.

Doch warum sollte eine Bank der eigenen Profitgier Grenzen ziehen, wenn das Motto "Bereichert euch" ohne moralische Hemmungen öffentlich gepredigt werden kann? Warum moralisch sein, solange die Unmoral nicht mit dem Handelsgesetzbuch und dem Strafgesetzbuch kollidiert? Warum also Gutes tun, wenn Böses tun doch so einträglich ist? Elementare Fragen sind oft am schwersten zu beantworten.

Schwimmt gegen den Strom!

Es ist aus meiner Sicht nur konsequent, wenn sich die Banken den moralischen Rahmen ihres Handelns selber gebastelt haben: dass sie sich alles erlauben können, was nicht ausdrücklich verboten ist. Dass auch wirtschaftliches Denken und Handeln nicht wertneutral ist, scheint sie nicht zu beschweren.

Die soziale Marktwirtschaft ist nicht nur der Generator unserer Gesellschaftsordnung, sie ist auch ihr moralisches Korsett. Gerade das Letztere gilt auch dann noch, wenn ich werte, dass die Marktwirtschaft immer noch das Substantiv und das Wörtchen "soziale" nur das Adjektiv ist. Nicht die mit ihr Unzufriedenen – weil sie zu wenig Soziales abwirft – noch die sie kritisierenden Werteverbesserer können sie gefährden; dies vermögen allein die in ihrem Zentrum Agierenden, wenn sie nicht endlich die Balance zwischen ihrem Eigennutz und der Verantwortung, die sie für unser Land tragen, finden. Darum, ihr Bankleute, wartet nicht, bis die Tide kippt und sie euch zu neuen Ufern trägt. Schwimmt schon jetzt los, gegen den Strom dieser Zeit. Erforscht euch einmal selbst, wischt euch den Puder von der Backe, achtet weniger auf euer Image als vielmehr auf das Standing – das eurer Bank ebenso wie das persönliche. Sagt, was ihr denkt, tut, was ihr sagt. Öffnet eure Gesichter. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.7./1.8.2004)

Zur Person

Der 84-jährige Bankkaufmann Ludwig Poullain stand von 1968 bis 1977 an der Spitze des West-LB. Der Text entstand anlässlich einer Einladung zu einem Festakt, den der Verfasser mit einem Referat eröffnen sollte – wozu es aber nicht kam, nachdem Poullain sich dafür entschieden hatte, nicht, wie vom Veranstalter gewünscht, über "Landesbanken im Wandel der Zeiten", sondern über das Ackermann-Syndrom zu sprechen und das Manuskript der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zur Verfügung zu stellen. Die Dokumentation der vollständigen Fassung ist nachzulesen unter www.faz.net
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