Furcht vor Lieferengpass treibt Ölpreis auf Rekordhoch

30. Juli 2004, 16:52
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Fördermenge auf höchstem Niveau seit 25 Jahren - Markt wertet Ölpreis-Anstieg als "kurzfristige Irritation"

Frankfurt - Anhaltende Furcht vor Lieferengpässen hat den Ölpreis am Freitag auf neue Rekordstände klettern lassen. Auf die Kurse an den internationalen Aktien-, Devisen- und Rentenmärkten hatte diese Entwicklung zunächst jedoch keinen Einfluss. Ein Barrel (159 Liter) der richtungweisenden Erdöl-Sorte Brent kostete zuletzt 39,78 Dollar und war damit so teuer wie seit 1990 nicht mehr. Gleichzeitig legte der Future auf die führende US-Sorte Crude Light 1,2 Prozent auf 43,25 Dollar zu - den höchsten Stand seit Einführung dieses Futures an der New York Mercantile Exchange (Nymex) vor 21 Jahren.

Unsicherheit wegen Yukos

Viele Anleger zweifelten daran, dass der wegen eines milliardenschweren Steuerstreits mit dem russischen Staat angeschlagene Öl-Konzern Yukos seine Lieferungen aufrechterhalten könne, sagte Analyst Timothy Evans von IFR Energy Services. Yukos fördert rund ein Fünftel des russischen Erdöls. Außerdem müsse wegen der labilen Sicherheitslage im Irak dort jederzeit mit Förderausfällen gerechnet werden.

Über die unmittelbaren Aussichten des Ölpreises waren sich die Börsianer uneins. Während einige Gewinnmitnahmen vor dem Wochenende erwarteten, rechneten andere mit einer weiteren Verteuerung.

Höchste Fördermenge seit 25 Jahren

Die tägliche Fördermenge der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) liegt mit derzeit 30 Mio. Barrel auf dem höchsten Niveau seit 25 Jahren. Börsianer befürchten, dass die Öl-Produzenten eventuelle Ausfälle nicht mehr auffangen können, weil sie kaum noch Luft für eine Ausweitung der Kapazitäten haben.

"Der Markt tut den Ölpreis-Anstieg als kurzfristige Irritation ab", begründete Analyst Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank die bislang fehlenden Kursreaktionen bei Aktien, Devisen und Staatsanleihen auf den hohen Ölpreis. Viele Anleger machten sich die optimistischen Konjunkturerwartungen des US-Notenbankchefs Alan Greenspan zu eigen und ignorierten daher negative Zeichen. "Das ist aber nicht gerechtfertigt", warnten Hellmeyer und andere Börsianer einhellig.

Inflationsdruck

Devisenstratege Trevor Dinmore von der Deutschen Bank in London urteilte: "Bislang wird der Ölpreis als neutral für den Dollar-Kurs angesehen. "Auf der einen Seite könnte sich der Inflationsdruck erhöhen, auf der anderen Seite könnte sich die wirtschaftliche Aktivität verlangsamen."

Der Chef des Bundesverbandes des Groß- und Außenhandels (BGA) in Deutschland, Anton Börner, erwartet kurzfristig zwar einen Rückgang des auf historische Höchststände gestiegenen Ölpreises, mittel- und langfristig aber dauerhaft einen Preis von über 40 Dollar je Barrel. Dass die Wirtschaft derzeit mit Ölpreisen von über 40 Dollar ohne negative Folgen leben könne, zeige, dass sie einen sehr stabilen Aufschwung erlebe. Allerdings brächten die hohen Ölpreise Inflationsgefahren mit sich, die zu steigenden Zinsen führen könnten, so Börner weiter.

Eine Reihe negativer Konjunkturnachrichten könnte die von Analyst Hellmeyer konstatierte derzeitige "asymmetrische Wahrnehmung" der Finanzmärkte korrigieren, bei der negative Faktoren weitgehend ignoriert würden. Am Freitagnachmittag werden die Zahlen zum Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im zweiten Quartal in den USA erwartet. Von Reuters befragte Analysten rechnen mit einem Plus von 3,6 Prozent. Zudem soll der Chicagoer Einkaufsmanagerindex vorgelegt werden. Hier sagen Experten einen Anstieg im Juli auf 59,0 Punkte von 56,4 Zählern im Vormonat voraus. (APA/Reuters)

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