Was die "Krone" bald braucht

15. Februar 2005, 20:29
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Tektonische Verschiebungen in der österreichischen Medienlandschaft kündigen sich an ...

Tektonische Verschiebungen in der österreichischen Medienlandschaft kündigen sich an. Die Fellners arbeiten an ihrer neuen Tageszeitung, die ganz auf ein junges Publikum zugeschnitten sein und einen neuartigen Konnex zum Internet herstellen soll. Die Finanzierung steht angeblich. In der "Presse" soll ein Wechsel des Chefredakteurs bevorstehen, die streng nationalkonservative Linie aufgelockert werden.

Und: Es soll nun endlich geklärt werden, wer die Geschicke des österreichischen Phänomens "Krone" künftig leitet. An dieser Front hat Christian Konrad, Chef des mächtigen Raiffeisenverbandes, nun einen spektakulären Schlichtungsvorschlag gemacht: Die beiden Kontrahenten, Hans Dichand und WAZ-Chef Erich Schumann, beide 50-Prozent-Eigner der Krone, sollten sich jeder aus seinen "gesellschaftsrechtlichen Funktionen in der Krone zurückziehen", sagt Konrad in einem ORF-Interview mit Waltraud Langer. Die Aktivlegitimation für diesen Vorschlag bezieht Konrad aus der Tatsache, dass Raiffeisen mit knapp über 50 Prozent am "Kurier" beteiligt ist (den Rest hält die WAZ). Der Kurier wiederum bildet mit der Krone durch die Mediaprint eine Anzeigen-, Druck-, Vertriebs- und Verwaltungsgemeinschaft (die Redaktionen sind unabhängig). Obwohl es keine kapitalmäßige Beteiligung zwischen "Krone" und "Kurier" gibt, werden auch Interessen des "Kurier" durch die Unruhe in der "Krone" betroffen.

WAZ wünscht sich "Parität" in der Geschäftsleitung

Die WAZ möchte, dass sich der 83-jährige Dichand zurückzieht; sie ist auch nicht mit der Installierung von Dichands Sohn als Chefredakteur einverstanden; sie möchte endlich "Parität" in der Geschäftsführung. Und auch inhaltlich störten Schumann diverse Meinungsexzesse der Krone (der Autor dieser Zeilen konnte kürzlich vor Gericht den Wahrheitsbeweis erbringen, dass dort "antisemitische und rassistische Untertöne" verbreitet werden - das Urteil ist nicht rechtskräftig.)

Der Streit ist vor einem Schweizer Schiedsgericht gelandet. Im Oktober findet die nächste, vielleicht entscheidende Verhandlung statt. Manche rechnen damit, dass man vorher versuchen wird, sich außergerichtlich zu einigen. In diese Richtung geht der Vorschlag von Christian Konrad, wobei er betont, beide würden ja Eigentümer bleiben und könnten Personen ihres Vertrauens in die Gremien entsenden. Es wäre sozusagen der direkte Zusammenprall der beiden Persönlichkeiten nicht mehr gegeben.

Vorausschauende Sorge

Dieser Vorschlag wird dem Vernehmen nach von Dichand als Parteinahme für Schumann interpretiert, zumal Konrad vor kurzem auch schon im Gesellschafterausschuss für die Einstellung des U-Bahn-Express votierte. Man kann es aber auch als vorausschauende Sorge um den Mediaprint-Verbund betrachten. Schumann, der Chef eines europäischen Zeitungskonzerns, würde seinen Rückzug aus den Gremien leichter verkraften können als Dichand, der die "Krone" zu dem gemacht hat, was sie ist.

Tatsache ist, dass der 83-jährige Dichand nicht aufhören will, die "Krone" und damit die österreichische Politik zu beeinflussen. Tatsache ist aber auch, dass die Krone ein Vermögenswert ist, der durch dauernden Eigentümerstreit, ungeklärte Entscheidungsverhältnisse und dynastische Besetzung des Chefredakteurspostens nicht größer wird. Objektiv gesehen braucht die Zeitung bald eine Führung, die ihr wieder Dynamik gibt - und bei aller populistischen Ausrichtung die antisemitischen und rassistischen Untertöne endgültig abstellt. (Hans Rauscher/DER STANDARD; Printausgabe, 30.7.2004)

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