Ost-Bankenmarkt wächst weiter rasch

29. Juli 2004, 19:40
posten

RZB-Studie: Russland und Ungarn als Wachstumslokomotiven - Fünf österreichische Banken unter Top 16 in Mittel- und Osteuropa

Wien - Der Bankenmarkt in Mittel- und Osteuropa wird auch in den kommenden Jahren weiter rasch wachsen. Das geht aus einer aktuellen Studie der Raiffeisen Zentralbank Österreich (RZB) und der Raiffeisen Centrobank hervor. Als Wachstumsmotoren unter den 20 Märkten der Region hätten sich im vergangenen Jahr vor allem Russland (+15,6 Prozent) und Ungarn (+19,8 Prozent) erwiesen, sagte der stellvertretende RZB-Chef Herbert Stepic am Donnerstag bei der Präsentation der Studie in Wien.

"Verglichen mit der Eurozone sind die mittel- und osteuropäischen Länder noch 'underbanked', oder aus dem Blickwinkel der Kunden 'underserviced'. Auch die am höchsten entwickelten Märkte haben daher noch genügend Raum für Wachstum", so Stepic. Nach einem Anstieg von 3,5 Prozent im Jahr 2002 stieg die kumulierte Bilanzsumme der Banken laut Studie in den MOEL 2003 um 10,1 Prozent auf 572 Mrd. Euro. Neben Russland und Ungarn hätten vor allem die Länder der zweiten EU-Erweiterungsrunde (Bulgarien, Rumänien, Kroatien) mit 13,1 Prozent ein besonders starkes Wachstum verzeichnet.

Hebelwirkung durch beschleunigtes Wirtschaftswachstum

Eine zusätzliche Hebelwirkung für das Bankenwachstum ergibt sich laut Stepic durch das gegenüber Westeuropa noch beschleunigte Wirtschaftswachstum. Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den MOEL betrug im vergangenen Jahr 5,5 Prozent, für 2004 und 2005 werden 5,9 Prozent prognostiziert, während er in der Eurozone 2003 nur 0,5 Prozent ausmachte und heuer 1,8 und im kommenden Jahr 2,2 Prozent betragen dürfte. Das starke Wirtschaftswachstum im Osten "tut den Banken und ihrem Geschäft gut", sagte Stepic. Andererseits seien hoch entwickelte Banken auch eine Vorbedingung für dieses Wachstum.

Wegen des verbesserten rechtlichen Umfelds seien die Banken auch zunehmend bereit, mittel- und langfristige Kredite an kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zu vergeben, erklärte Stepic, Chef der RZB-Ostbankenholding Raiffeisen International (RI). Das wiederum habe 2003 zu einer Beschleunigung der Anlageninvestitionen geführt, nämlich um 8,3 Prozent im Vorjahr und um 12,3 Prozent im 1. Quartal dieses Jahres. Auch bei den Privatkrediten gebe es - ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau - enorme Wachstumspotenziale. "Das genau ist der Grund, warum wir weiterhin unser Filialnetz stark ausbauen", so Stepic. Mit der Übernahme der albanischen Banka e Kursimeve e Shqiperise (BK) im April habe man die Anzahl der Niederlassungen auf 860 erhöht.

Weitere Akquisitionen kann sich Stepic etwa in Russland und Rumänien vorstellen. In Rumänien "würden wir lieber die Sparkasse erwerben, weil sie besser ins Konzept passt". An der rumänischen Sparkasse CEC (Casa de Economii si Consemnatiuni) sind auch die Erste Bank und die HVB-Tochter Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) interessiert. "Aber es gibt auch in anderen Ländern schöne Kinder fescher Mütter", zeigte sich Stepic für alles offen.

Fünf Austro-Banken unter Top 16

Ganz wichtig für die Entwicklung des Bankenmarkts in Mittel- und Osteuropa seien die internationalen Banken, betont Stepic. Sie seien "die wesentlichen Treiber der Weiterentwicklung des CEE-Banksystems".

Zu Raiffeisen, Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), Citigroup und ING, die die Ostmärkte erschlossen hätten, seien in den letzten Jahren auch Erste Bank, KBC, UniCredito, Societe Generale und Intesa BCI als starke Player hinzugekommen, die durch die Privatisierung staatlicher Großbanken rasch Marktanteile gewonnen hätten. Umgekehrt hat sich die früher nur am ungarischen Markt tätige OTP bereits zur internationalen Bank mit einem wachsenden Netz in Osteuropa entwickelt.

Bemerkenswert sei neben dem "völligen Fehlen der Global Players" in Mittel- und Osteuropa - mit Ausnahme der Citigroup - auch die Stärke der österreichischen Banken. Unter den 16 größten internationalen Banken in der Region der CEE-20 seien gleich fünf aus Österreich: Die Erste Bank, HVB/BA-CA, Raiffeisen International, Hypo Alpe-Adria und Volksbank. Gemessen an der Bilanzsumme per Ende 2003 führte die belgische KBC mit 29 Mrd. Euro die Rangliste an, vor der Erste Bank (28,6 Mrd. Euro), der italienischen UniCredito (24,6 Mrd.), der HVB/BA-CA (23,5 Mrd.) und Raiffeisen International (21,6 Mrd.). Nimmt man das Kreditvolumen als Kriterium, dann führt die BA-CA mit einem Marktanteil von 4,9 Prozent vor KBC (4,5 Prozent), Erste Bank und UniCredito (je 4,2 Prozent) und Raiffeisen (3,9 Prozent).

Stärkste Konzentration in Estland

Die stärkste Konzentration am Bankenmarkt gibt es in Estland, wo die fünf größten Banken 2003 einen Marktanteil von 94,7 Prozent hatten. Starke Konzentrationen gibt es auch in Litauen (82,5 Prozent), Kroatien (70,4 Prozent), Weißrussland (70,5 Prozent), Slowenien (68,1 Prozent), der Slowakei (67,4 Prozent) und Tschechien (64,6 Prozent).

Trotz des starken Engagements internationaler Banken kommt es auch laufend zu Desinvestitionen. So hat vor kurzem die KBC ihre Tochterbanken in Litauen und der Ukraine verkauft. Die Bayerische Landesbank hat sich aus Tschechien und Kroatien zurückgezogen, Societe Generale und Rabobank aus Ungarn.

Marktchance

Andere internationale Banken sehen dies als Marktchance. So haben etwa Erste Bank, UniCredito, BA-CA, BAWAG und Nordea bei derartigen Gelegenheiten zugeschlagen. Gemeinsam mit den anhaltenden Privatisierungen staatlicher Banken führt dies zu einem fortschreitenden Konsolidierungs- bzw. Konzentrationsprozess.

Zur Privatisierung stehen etwa die polnische PKO Bank - sie ist die größte Bank Mitteleuropas - und mit der BCR das größte Kreditinstitut Rumäniens an. Selbst bei den großen russischen Staatsbanken zeichnen sich Privatisierungen ab, zum Beispiel bei der Vneshtorgbank, der zweitgrößten des Landes. In Slowenien sei die Bankenprivatisierung derzeit auf Eis gelegt, so Stepic. (APA)

Share if you care.