Weiser Kandidat namens Kerry

30. Juli 2004, 19:26
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Der demokratische Präsidentschaftskandidat versucht, seinen sicherheitspolitischen Rückstand auf Bush wettzumachen

Schon am Mittwoch war John Kerrys markante Silhouette das erste Mal in Boston zu sehen, als er auf einem Patrouillenboot in die Stadt einfuhr. Am Abend erteilten die begeisterten Parteitagsdelegierten Kerry dann offiziell ihren Sanktus und machten ihn endgültig vom "designierten" zum definitiven demokratischen Präsidentschaftskandidaten des Jahres 2004.

Die Medien gehen über vor Informationen über den "wahren" Charakter des zuweilen etwas patrizisch-entrückt wirkenden Senators, und seine politischen Helfer werden nicht müde, seine Verdienste als Vietnam-Kämpfer hervor zu heben. Vor allem aber betont man die Entschlossenheit, die er als Oberbefehlshaber im Krieg gegen den Terror beweisen würde, einem Gebiet also, auf dem er seinem Konkurrenten George W. Bush in den Meinungsumfragen immer noch schmerzlich weit unterlegen ist.

Schlüsselworte

Dabei ist die "Weisheit" eines der Schlüsselworte, das immer wieder zur Charakterisierung des Senators, der eine konziliantere Politik gegenüber den amerikanischen Alliierten angekündigt hat, in den öffentlichen Diskurs eingestreut wird. "Man könnte meinen, der Kandidat heißt Sokrates und nicht Kerry", ätzte der Boston Globe.

Den frühen Donnerstag verwendete der Senator hauptsächlich noch dazu, letzte Hand an seine "acceptance speech" anzulegen, die er höchstpersönlich verfasst hat, obwohl ihm vier professionelle Redenschreiber zur Disposition stehen.

Zwei Amerika

Mittwoch war dagegen vor allem der Tag des 51-jährigen Senators und Vizepräsidentschaftskandidaten John Edwards aus North Carolina. Edwards, der mit seinem Sunnyboy-Aussehen und seinem extrovertierten Auftreten einen starken Kontrast zu seinem Präsidenten bildet, nahm in seiner Rede das Motiv der "zwei Amerikas" auf, mit dem er sich schon in den Vorwahlen profiliert hatte.

In den USA gebe es eine schmale Schicht jener, die den amerikanischen Traum für sich verwirklicht hätten und sorglos lebten. Es gebe aber auch immer mehr Bürger, die hart arbeiten und sich finanziell trotzdem kaum über Wasser halten können. "Das muss nicht so sein", rief Edwards in die jubelnden Parteitagsmassen und stellte eine Anhebung des Mindestlohns sowie eine Rücknahme der Steuersenkungen für die reichsten Amerikaner in Aussicht.

"Mühlenarbeiter"

Obwohl er die "müde alte und gehässige Politik" kritisierte, mit der die Republikaner versuchten, Kerry schlecht zu machen, hielt sich Edwards doch meist an die Parteitagsdramaturgie, die auf die Verbreitung von positiven Botschaften getrimmt ist. "Hope is on the way", es gibt Anlass zur Hoffnung, war eine Botschaft, die er ständig wiederholte. Edwards stammt als Sohn eines Mühlenarbeiters aus bescheidenen Verhältnissen, hat es aber als Rechtsanwalt der sich auf Schadenersatzprozesse spezialisierte, zu einem Vermögen von mehreren Millionen Dollar gebracht.

Gegenüber "Al-Kaida und anderen Terroristen" schlug Edwards einen überaus scharfen Ton an: "Wir werden euch vernichten." Auch diese Wortwahl darf als Indiz dafür gewertet werden, dass die Demokraten ihren Nachholbedarf vor allem auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2004)

Von Christoph Winder aus Boston
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    Der demokratsche Kandidat Kerry.

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