Ein sehr langsames Café

2. November 2005, 16:02
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Das neu eröffnete Schwalbennest am Grazer Franziskanerplatz verpflichtet sich der Idee des Slow Food

Vor drei Jahren war die Aufregung in Graz recht groß, als das kleine, alte Haus am Franziskanerplatz, Ecke Neutorgasse, in einer Nacht-und-Nebelaktion und trotz Denkmalschutz abgerissen wurde. Zwei Jahre später stand es wieder, sah dem Vorgänger-Häuschen ziemlich ähnlich und beherbergte ein Café, das der Grazer Edelbäcker Hubert Auer betrieb. Irgendwie wollte es aber nicht so recht anspringen, nach einem Jahr war das kleine Giebel-Häuschen mit Mur-Blick zu haben.

Gerhard Wörz wiederum besaß bis voriges Jahr sechs Jeans-Boutiquen, Wein und gutes Essen schätzte er immer schon, seit längerem war er Mitglied bei "Slow Food", der von Italien ausgehenden Vereinigung, die sich den Erhalt regionaler Esskulturen und traditioneller Produkte zum Ziel gesetzt hat. "Aber nachdem da in Österreich ein bisserl wenig passiert, dachte ich, muss man selber was machen", er suchte eine Location von vier- bis fünfhundert Quadratmetern für ein Restaurant samt Vinothek, entschied sich dann mit Freiwerden des "Schwalbennestes" für eine "abgespeckte Version". Und zwar gemeinsam mit seiner Schwägerin Irene Guschnegg, die zwar zehn Jahre in einer Arztpraxis gearbeitet hatte, diese Tätigkeit aber gerne für ihre Leidenschaft, zu backen und ein Lokal zu führen, aufgab.

Schätze mediterraner Produktkultur gemeinsam mit steirischen Spezialitäten wollten sie im "Schwalbennest" anbieten, die Steiermark gab bei genauer Überprüfung dann aber mehr her als gedacht, weshalb man auf Italienisches vorerst einmal verzichtete. Dafür bekommt man auf einem gemischten Schinkenteller etwa den legendären Wollschwein-Lardo von Krispel, einen 26 Monate am Knochen gereiften Schinken, der wirklich San-Daniele-Qualitäten besitzt, eine kräftige Wollschwein-Salami, einen vor allem in Kombination mit dem "Heckenklescher-Gelee von der Isabellatraube" köstlichen Hirschrohschinken sowie eine "Zelotec" genannte Salami-Art aus dem südsteirisch-slowenischen Grenzland (€ 7,90). Auch der Käse ist erstens rein steirisch und gehört zweitens ausschließlich der Rohmilch-Kategorie an, hauptsächlich von Kleinproduzenten und Quereinsteigern produziert, Slow Food halt (€ 5,90). Dazu gibt's Bauernbrot aus Lieboch, Lamberger Hanfblüten-Bier und an die 15 Weine offen, von denen zumindest die Weißen alle steirisch sind.

Ihr Programm müssen Guschnegg und Wörz klein halten, da es keine Küche gibt und sich auch Lagerhaltung in Grenzen hält, sie sehen es positiv, so würden sich die Dinge wenigstens immer abwechseln, sagt Irene Guschnegg. Suppen wie etwa eine hervorragende Karotten-Ingwer-Kaltschale oder Frühstück mit steirisch-kulinarischem Urgestein wie dem "Kräutl-Ei", einer Eierspeise mit Liebstöckl und Kernöl, gibt's ebenfalls.

Die Idee mit dem großen Lokal sei jedenfalls nicht gestorben, meint Gerhard Wörz, man warte ab. Und erfreut sich einstweilen am rasch wachsenden Zuspruch fürs langsame Essen. (DERSTANDARD/rondo/Florian Holzer/30/07/04)

Café Schwalbennest
Franziskanerpl. 1
8010 Graz

Tel: 0316/81 88 92
Di-Sa 8-22
So 9-22 Uhr
  • Artikelbild
    foto: holzer
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    foto: holzer
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