Tanzmusik mit Rampensau: "Tyrannosaurus Hives"

30. Juli 2004, 20:21
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The Hives aus der schwedischen Provinz beweisen mit ihrem neuen Album zweierlei: 1: Punk ist nicht tot. 2: Frechheit siegt.

Sie schreiben möglicherweise nicht die besten Songs. Die werden von ihren schwedischen Landsleuten Mando Diao professioneller aus der Rockgeschichte gestohlen. Stichwort: Stones, Kinks, US-Garagepunks aus den 60er-Jahren wie The Sonics und nicht kaputt zu kriegende Hadern jugendlicher Delinquenz wie Louie Louie oder Surfin' Bird. Natürlich auch: The Ramones mit ihrem 70er-Jahre-Bubblegum-Punk.

Und auch wenn es um Haltung und Sendungsbewusstsein geht, kann man gleich in Schweden bleiben und auf The (International) Noise Conspiracy verweisen. Die machen auf ihrem neuen Album Armed Love nicht nur ebenfalls einen auf Soul-und Garagenpunk und Sixties-Beschwörung. Sie haben sich der angloamerikanischen Authentizität wegen neben US-Starproduzent Rick Rubin mit Keyboarder Billy Preston jetzt einen echten Halb-Beatle ins Studio geholt. Von den dezidiert zur Weltrevolution aufrufenden Texten und uniformem Bühnenauftreten im Nachtclub-Guerilla-Outfit ganz zu schweigen.

Es gibt also gerade in der schwedischen Heimat der Hives definitiv bessere und inhaltlich ernsthafter arbeitende Rocker. Und auch der Rock selbst wird etwa von den mit den Hives befreundeten Hellacopters härter gedroschen. Was also macht den Reiz der Hives um Sänger und Brülltier Howlin' Pelle Almqvist aus, der das Quintett mit dem neuen Album Tyrannosaurus Hives endgültig in die internationale Spitzenliga des Rock bringen wird? Abgesehen natürlich auch von einem fetten Plattenvertrag für das neue Album mit dem Global Player Universal, der den Tyrannosaurus Hives auf Plakatwänden und in bezahlten Anzeigen bis in die hintersten Ecken Kasachstans treiben wird.

The Hives haben nicht nur den besten Stil im Genre. Sie haben vor allem auch den nötigen Schuss regulierten Wahnsinn in sich, der sie an die Spitze treiben wird. Wie sagte schon Elvis Presley bei einem frühen Filmauftritt zu einer ihn anschmachtenden Landschönheit: "That ain't tactics, baby, I guess it's the beast in me." Stichwort Land: The Hives, dieser herrlich überzogen immer streng in Schwarz-Weiß als Tanzkapelle aus der Hölle auftretende Fünfer, kommt natürlich aus der tiefsten Provinz, einem schwedischen Industriekaff, in dem man als junger Mann neben den Rolling Stones und AC/DC als modernste Erfindung der Musikszene gerade noch die oben erwähnten Ramones durchgehen lässt. Als Spezialist sammelt man dort vielleicht auch noch alte Platten von The Nomads, The New Bomb Turks, The Lime Spiders oder eben The Hellacopters - alle schon in jungen Jahren ein wenig abgelebte Menschen, die den ewigen Geist der Garage als Wohn- und Definitionsraum beschwören und so den Rock am Leben erhalten. The Hives waren von dieser Musik beseelt. Sie wollten sie schamlos kopieren, als sie vor gut zehn Jahren zusammenkamen, um ordentlich auf den Busch zu klopfen.

Bloß einen entscheidenden Fehler der Vorbilder wollte man keinesfalls übernehmen. Wenn man immer so angezogen auf die Bühne steigt, als würde man gerade das Moped reparieren oder vom Zelten kommen, wird man gerade von der Provinz aus keinen Stich machen. The Hives legten nicht nur die zerschlissenen Jeans und ausgewaschenen T-Shirts ab und sich selbst Künstlerpseudonyme zu: Vigilante Carlstroem, Dr. Matt Destruction, Howlin' Pelle Almqvist, Chris Dangerous, Nicholaus Arson. Kurz eingeschobene Frage: Gehört zum Rock'n'Roll auch ein würdeloses Element? Antwort: Ja! Mit dem Ankauf von weißen Schuhen, weißen Western-Mascherln und schwarzen Konfirmandenanzügen zeigte die Band angesichts ihrer ersten Auftritte vor betrunkenen Freunden vor allem auch eines: Mut gepaart mit der nötigen Portion Größenwahn. Das hier war von Anfang an die beste und größte Band der Welt. Ab jetzt ging es nur mehr darum, die Welt darauf aufmerksam zu machen. Über Alben wie Oh Lord! When? Now?, Barely Legal und den Durchbruch in Skandinavien mit Veni, Vidi, Vicious (was für ein Albumtitel!), über endlose Tourneen in kleinen Clubs oder im Vorprogramm der Hellacopters arbeitete die Band nicht nur unbeugsam an der Präzisierung und Verdichtung ihres harten, am Punk geschulten knappen Stils.

Kaum ein Song überschreitet jemals die Zweiminutengrenze. Dank eines imaginären Band-Gurus, des Songschreibers Randy Fitzsimmons, der die Band nicht nur taktisch berät, sondern ihnen auch die Songs auf den Leib schreibt, wurden The Hives zur derzeit besten Liveband der Welt. Weil ihr auch die Show und die Pose nicht fremd sind und sie mit Howlin' Pelle einen Frontmann besitzen, der nicht nur die Frechheit und Unverschämtheit mit Löffeln gefressen hat, sondern auch das Charisma. Kurz, Howlin' Pelle mag zwar nicht besonders singen können, aber das konnte der junge Mick Jagger auch nicht. Howlin' Pelle ist zur Rampensau geboren. Dahinter wütet die Band mannschaftsdienlich.

Spätestens 2002 startete die internationale Karriere mit der in Großbritannien veröffentlichten Best-of-Kompilation Your New Favourite Band und der großmäuligen Single Hate To Say I Told You So voll durch. In England wurde die Band zur gern gebuchten Club-Sensation, und auch in den USA tauchte man bei den richtigen Underground-Festivals auf. Ob die kolportierten 15 Millionen Dollar Vorschuss an die Band für das neue Album tatsächlich einmal eingespielt werden, mag zwar in den Sternen stehen. Dank der aktuellen ersten Single Walk Idiot Walk, die gut gestohlen daran erinnert, wie gut die Rolling Stones einmal waren, ist die weltweite Medienpräsenz gesichert. Bezüglich Ökonomie der Aufmerksamkeit ist den Hives schon jetzt ein Kassenschlager gelungen.

12 Songs in 30 Minuten. Keine Würstel, kein Scheiß. Nenn es Rock'n'Roll, nenn es Punk, nenn es die beste Platte von Motörhead, die die Cramps nie gemacht haben. Aber um Gottes willen: Rocke dazu! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 7. 2004)

Von Christian Schachinger
  • The Hives  Tyrannosaurus Hives (Universal)  
The Hives live in Österreich:  25.10., Arena, Wien
    foto: universal

    The Hives
    Tyrannosaurus Hives
    (Universal)

    The Hives live in Österreich:
    25.10., Arena, Wien

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