Ein Hauch von ’89

28. Juli 2004, 20:34
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Die jüngste Massenflucht aus dem stalinistischen Nordkorea ist ein bedrohliches Zeichen für das Regime - Von Markus Bernath

Eine amerikanische Regierung unter einem Präsidenten John Kerry würde an das Nordkoreaproblem aktiver herangehen, versprechen die US-Demokraten: direkte Gespräche mit Pjöngjang, die der amtierende US-Präsident nicht will, und gleichzeitig, wie gehabt, multilaterale Verhandlungen zusammen mit den vier Nachbarn Nordkoreas. Doch es könnte gut sein, dass der nächste amerikanische Präsident nicht mehr mit demselben Regime in Pjöngjang sprechen wird.

Seit der Massenflucht nordkoreanischer Überläufer in dieser Woche hängt ein Hauch von 1989 über dem Regime von Kim Jong-il. Beobachter der organisierten Flucht über China und anschließend vermutlich Vietnam wollen wissen, dass nicht nur völlig Mittellose unter den Flüchtlingen sind, sondern auch Angehörige einer Mittelklasse, die sich bisher mit dem stalinistischen Regime arrangierte. Das wäre ein bedrohliches Zeichen für Nordkoreas Führung - mindestens ebenso fatal wie der Umstand, dass der Weg in den kapitalistischen Süden nun vergleichsweise weit offen ist. Von den rund 5000 Überläufern in den vergangenen 50 Jahren schafften es allein 4000 in den letzten vier Jahren. Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem Sinneswandel in Seoul, das nun erstmals eine Rekordzahl von Überläufern einfliegen ließ und damit neue Spannungen mit dem Norden riskiert. Denn Hunderttausende von Nordkoreanern flüchteten in Wirklichkeit schon über die Grenze nach China und halten sich zum Teil noch im Land verborgen.

Kim Jong-ils Regime ist heute in einer schwächeren Position als zu Beginn des Atomstreits vor zwei Jahren. Flüchtlingsfrage, erste Wirtschaftsreformen und die internationale Isolation, die durch das Patt im Konflikt um Nordkoreas Atomprogramm nur schärfer wurde, verändern das Regime und dürften Spannungen zwischen Kim und der Armee, Reformern und Hardlinern auslösen. Für eine neue US-Politik wäre das eine Chance. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2004)

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