Der steinige Weg zur Ekstase

28. Juli 2004, 17:55
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"Parsifal"-Regisseur Christoph Schlingensief plaudert aus dem Nähkästchen

Im "Parsifal" leidet Amfortas, bei den Proben die Sänger und wie im Fall der im Vorfeld der Premiere heiß diskutierten Bayreuther Neuproduktion des hehren Bühnenweihfestspiels mitunter besonders auch der Regisseur. Christoph Schlingensief plaudert aus dem Nähkästchen.


Bayreuth – Christoph Schlingensiefs Nähkästchen ist mindestens so prall voll wie sein Handy. Seit der geglückten Premiere platzt Letzteres geradezu vor SMS-Mitteilungen und auch die Mailbox quillt über. Zwei Anträge für Gastprofessuren, Gratulationen, Regieangebote. Burgchef und Bambiland-Patron Klaus Bachler etwa, "er wollte schon länger mit mir reden, hat zwei SMS geschickt und angerufen. Das freut."

Der Grüne Hügel ist offenbar nach wie vor für die deutschsprachigen Theaterszene Kraftort singulärer Strahlkraft. Wer dort reüssiert, hat es geschafft. Und die Kontroverse, die Schlingensiefs Parsifal auslöste, war in ihrer Heftigkeit bestenfalls mit der Wiener Container-Aktion Ausländer raus vergleichbar. "Selbst nach dem Bambiland im Burgtheater war es", so der Künstler, "vergleichsweise ziemlich ruhig."

Die Premiere hat natürlich auch Schlingensief selbst abgewartet. Mit großem Bangen vor deren Ende und durchaus mit einer gewissen Beklemmung vor seinem in jedem Fall unvermeidlichen Auftritt vor dem Vorhang.

Schlingensief: "Ich hab mir hier in Bayreuth ja schon voriges Jahr alles angeschaut. Und wenn dann nach der Aufführung das Buhgeschrei losging, da hat der Regisseur so richtig zu beben und irgendwie fast zu tanzen begonnen. Ich hab mir damals gedacht, egal, was geschieht, egal, wie es läuft, das darf dir auf keinen Fall passieren. Da musst du durch.

Ich hab auch gelesen, was der Barenboim darüber schreibt: Man muss sich irgendjemand aus dem Publikum in der ersten Reihe aussuchen und den musst du ganz fest anschauen. Nur nicht ins Publikum schauen, nicht winken und auch nicht diesen hier (Stinkefinger, die Red.) machen."

Dazu gab es kaum Anlass, denn die Proteste lagen weit unter dem Pegel, die Patrice Chéreau vor bald drei Jahrzehnten nach den vier von ihm inszenierten Bayreuther Ring-Abenden entgegenschlugen. Vielmehr herrschte zwischen Zustimmung und Ablehnung Ausgewogenheit.

Erst Sushi, dann ...

So scheint sich Schlingensiefs Leben nach der Parsifal- Premiere weitaus freundlicher zu gestalten, als dieses, seinen launigen Schilderungen zu schließen, vor dieser gewesen sein mochte.

Schlingensief: "Vor den Proben sind sie alle ganz lieb da oben. Da wird man zum Essen eingeladen, Sushi und so. Aber wenn man dann da ist und probieren will, da hat man plötzlich das Gefühl, alle denken sich auf einmal: Was will denn der eigentlich da? Der soll uns gefälligst in Ruhe lassen!

Dieser Betrieb da oben erinnerte mich manchmal ein wenig an ein Gewerkschaftsheim. Es gibt pro Tag zwei Proben zu drei Stunden. Und innerhalb dieser Proben gibt es dann auch noch zwei Pausen von einer Viertelstunde. Und die halten alle ein. Sogar die Korrepetitoren. Nur Boulez ist sitzen geblieben. Man kann also nie richtig arbeiten.

Und sie machen nämlich auch auf die Sekunde genau Schluss. Ich sagte anfangs, 'ach, nur noch fünf Minuten, jetzt sind wir gerade so gut unterwegs'. Unmöglich. Um ein Uhr ist Schluss. Katharina Wagner (sie war Schlingensiefs Regieassistentin) sagte einmal zu mir, 'jetzt hast du noch eine Minute'. Stellen Sie sich das vor: eine Minute!

Wenn man die Leute einzeln fragt, ob sie noch weiter machen, erklärt sich jeder bereit. Aber im Kollektiv lehnen sie es ab. Da haben sie voreinander Angst. Man könnte sagen, sie verletzen die gewerkschaftlichen Bestimmungen.

Zum Schluss habe ich dann punkt eins schon selbst gesagt, 'ein Uhr, jetzt machen wir alle Schluss'. Dann haben sie lange Gesichter gemacht, weil ja nur allzu gerne sie zu mir gesagt hätten, dass ich jetzt Schluss machen muss."

Briefe von Wolfgang

Und dazu, so Schlingensief, "dann immer diese Briefe von Wolfgang Wagner. Ich hab ein dickes Konvolut davon. Sie kamen immer so zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags. Hinweise auf die Hausordnung. Sie ist nämlich das Allerwichtigste. Und immer wieder Beschwerden. Man sei enttäuscht. Dass ich da auf der Probebühne herum gemalt habe und mich von Jonathan Meese oder Matthew Barney inspirieren ließ – davon war man nicht zu begeistern. Man hätte sich nämlich ästhetisch von mir schon um einiges mehr erwartet."

Was nur? Ist sich Schlingensief doch sicher, dass Wolfgang Wagner niemals eine von ihm gestaltete Aufführung gesehen hat. Nichtsdestoweniger war der Weg zu Schlingensiefs gegenwärtigem Parsifal-Konzept weit und steinig. Was an diesem besticht, ist die Konkordanz zwischen Licht, Video und Musik.

Bereitwillig wuchtet Schlingensief drei dicke Ordner auf den Tisch. Für jeden Parsifal-Akt einer. Darin jeweils links die Seite aus dem Klavierauszug mit diversen in verschiedenen Farben markierten Signalen zwischen den Noten und rechts die Erklärung derselben. Spuren einer konsequenten akribischen Kleinarbeit, mit der diese szenisch-musikalische Harmonie erklügelt wurde.

Da fragt sich freilich noch, was da schließlich mit der Musik so perfekt korrespondieren sollte. Ein Frage, die sich vor allem auch für Christoph Schlingensief selbst stellte. Solange, bis er mit seinem Filmteam in Namibia war. Enes Abends waren alle Mitarbeiter wieder einmal ausgerückt, um sich am pittoresken Sonnenuntergang zu weiden. Schlingensief war allein zurückgeblieben, um wieder einmal den Parsifal zu reflektieren. Von der CD klagte Amfortas, und auf dem Videomonitor geriet gerade ein Voodoo-Magier in Ekstase.

Da fiel der Groschen (der in Namibia Cent heißt): Ekstase, Katharsis (Reinigung) und Erlösung. Der Parsifal als magisches Ritual mit tödlicher Erlösungsvision. Und dies alles im emotionellen Einklang mit der Musik. Das ist der Code zur Enträtselung dieser Inszenierung, die rein zerebral auch gar nicht verstanden werden möchte.

Bei der Fülle an Bildern, Projektionen und Objekten, die sich durch diese Aufführung bewegen und über die Projektionswände weben, ist so mancher, auch gestern wieder laut gewordene Wehschrei des technischen Personals verständlich und auch die wetternde Überforderung von Endrik Wottrich, dem zeitweise flüchtenden Sänger der Titelpartie, ist nicht ganz unbegreiflich.

Der inszenierende Aufreger lässt auch bereitwillig durchblicken, dass seine Bayreuther Arbeit zumindest ökonomisch kein Geschäft war. Die 30.000 Euro Gage hat er für Mitarbeiter und Vorbereitungen von Videoeinspiegelungen mittlerweile auch restlos wieder ausgegeben. "Wie der Hans im Glück."

Angesichts der nun losgebrochenen Flut von Anträgen gibt er aber gerne zu, dass sich dieser magische Ritt über den Grünen Hügel auf längere Sicht für ihn nicht eben zum Nachteil auswirken wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 7. 2004)

Von Peter Vujica
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    Christoph Schlingensief lauschend hinter Wolfgang Wagner beim Jahrestreffen der 'Gesellschaft der Freunde Bayreuths' am 27. Juli

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