"Wo der Schuh drückt"

30. Juli 2004, 17:56
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Ferrero-Waldner will, dass in Europa öster­reichische Argumente richtig verstanden werden - Die neue EU-Kommissarin im STANDARD-Interview

Eine Kommissarin "aus Österreich, aber für Europa" will Benita Ferrero-Waldner sein. Was die Ressortzuteilung betrifft, betont sie im Gespräch mit Michael Völker ihre Erfahrung in der Außenpolitik und in der Entwicklungshilfezusammenarbeit.


STANDARD: Frau Außenminister, haben Sie die Position als EU- Kommissarin selbst angestrebt?

Ferrero: Ich habe überhaupt nichts angestrebt. Ich habe mich eigentlich schon mit meinem ganzen Haus auf die Ratspräsidentschaft 2006 vorbereitet. Aber es ist jetzt eine große Aufgabe und eine große Herausforderung.

STANDARD: Sie haben wirklich damit gerechnet, in Österreich zu bleiben?

Ferrero: Absolut.

STANDARD: Wie kam es zu Ihrer Nominierung?

Ferrero: Es war ein gemeinsamer Vorschlag von Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Barroso hat darauf Wert gelegt, dass eine Frau und vor allem ich kommen sollte. Er kennt mich gut aus meiner langjährigen Arbeit und wollte mich deswegen gerne in der Kommission haben. So hat sich das ergeben.

STANDARD: Gibt es ein Ressort, das Sie anstreben?

Ferrero: Es ist so geplant, dass hier der Kommissionspräsident selbst die Entscheidung und Aufteilung trifft. Ich muss sagen, jedes Ressort, das auf meine breite Berufserfahrung Rücksicht nimmt, interessiert mich grundsätzlich. Ich schaue dem Ganzen jetzt mit Interesse entgegen.

STANDARD: Es wird spekuliert, ob das Ressort für Entwicklungshilfezusammenarbeit für Sie in Frage kommt und ob dieses Ressort möglicherweise zwischen Ihnen und dem Belgier Louis Michel aufgeteilt wird. Können Sie sich das vorstellen?

Ferrero: Ich halte nichts von Spekulationen. Das Wichtigste ist, dass der Kommissionspräsident selbst überlegt,wie er diese Aufteilung durchführt. Das wird von seinen Möglichkeiten abhängen. Barroso muss sich die Personen anschauen, die zur Verfügung stehen, dann wird er sehen, wie die bestmögliche Aufteilung für ein Kollegium ist, das gut miteinander arbeiten kann. Meine Berufserfahrung kennt man, ich habe über 70 Außenministerräte gemacht, 34 Gipfel, also EU-Räte, und - ich habe es selbst nicht geglaubt - 30 Drittstaatentreffen. Ich glaube, ich bin das längst dienende Mitglied im Rat der Außenminister. Es ist breite Berufserfahrung da, und das weiß man.

STANDARD: Sie haben vor allem außenpolitische Erfahrung, es wird also nur etwas in diesem Bereich infrage kommen.

Ferrero: Aber ich habe auch Erfahrung in der Entwicklungshilfezusammenarbeit. Es ist also eine breite Erfahrung.

STANDARD: Wie werden Sie die österreichischen Interessen in Brüssel wahrnehmen?

Ferrero: Ich kenne natürlich die österreichischen Interessen und werde sicher für Verständnis in Europa werben. Ich werde eine Kommissarin aus Österreich, aber für Europa sein. Mir ist es ganz, ganz wichtig, dass ich wirklich weiß, wo die Bürger ein Problem haben, wo der Schuh drückt. Das muss man verständlich machen. Ich möchte auch eine Kommunikatorin sein, in Europa für die europäischen Bürger, denn dieses Projekt Europa ist mir immer am Herzen gelegen und das wird es in Zukunft von Brüssel aus natürlich noch mehr.

STANDARD: Kommissar Fischler wurde öfters vorgeworfen, vor allem von der FPÖ, dass er die Interessen Österreichs in Brüssel nicht genügend vertritt oder sogar verrät. Besteht diese Gefahr?

Ferrero: Es ist grundsätzlich so, dass ein Kommissar natürlich für Europa arbeitet, aber gleichzeitig werde ich mein österreichisches Wissen einbringen, damit dort österreichische Argumente richtig verstanden werden. So habe ich vor zu arbeiten.

STANDARD: Wie sehr hatte Ihre Enttäuschung über die verlorene Präsidentschaftswahl einen Einfluss darauf, dass Sie jetzt nach Brüssel gehen?

Ferrero: Das eine hat mit dem anderen aber schon überhaupt nichts zu tun. Ich bin aufgrund meiner außenpolitischen Kompetenz gefragt worden. Ich hatte mich schon auf was anderes eingestellt, die EU-Präsidentschaft, die wir schon mit Rasanz vorbereiten.

STANDARD: Hat Ihre neue Aufgabe Auswirkungen auf Ihren Wohnsitz und Ihr Familienleben? Wird Ihr Mann in Wien bleiben?

Ferrero: Ich habe mit meinem Mann im Detail noch nicht darüber gesprochen. Aber mein Mann wird selbstverständlich weiterhin Leiter des Cervantes-Institutes in Wien bleiben. Und unser Hauptwohnsitz wird damit natürlich weiterhin in Baden sein. Ich werde pendeln, wie es auch Kommissar Franz Fischler getan hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2004)

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