Bitte nur kein Bush-Bashing!

30. Juli 2004, 10:08
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Auf ihrem Parteitag kritisieren die Demokraten Präsident George W. Bush, ohne ihn beim Namen zu nennen

Wenn es ein Wort gibt, das sich optimal zur Charakterisierung von US-Parteitagen eignet, dann ist es das Wort "enorm". Der Parteitag der Demokraten im Fleet-Center in Boston ist ein Event von enormen Dimensionen. Enorm ist die Anzahl der Parteitagsdelegierten (insgesamt 4353, die jüngste 17 Jahre, die älteste 95). Enorm ist die Anzahl der Kaffeeportionen, die im Lauf von vier Tagen ausgeschenkt werden (75.000 Becher).

Enorm sind die Sicherheitsvorkehrungen, enorm ist die Anzahl der Fundraising Parties, die die Parteiprominenz an allen Ecken und Enden der Stadt veranstaltet. Enorm ist der mediale Aufruhr über John Kerrys Gattin Teresa Heinz Kerry, die einen fürwitzigen Reporter das Maulhalten geheißen hat ("Shove it"). Und enorm ist der Unmut der demokratischen Basis über den Mann, der ihrer Ansicht nach zu Unrecht dort sitzt, wo eigentlich Al Gore sitzen sollte: Präsident George Walker Bush. Von allen Buttons, die in Boston verkauft werden, ist einer der beleidigendsten auch einer der beliebtesten: "Somewhere in Texas a village is missing its idiot - irgendwo in Texas vermisst ein Dorf seinen Deppen."

Die demokratische Parteiführung ist über aggressive Ausritte gegen Bush freilich alles andere als glücklich. Aus Umfragen weiß man, dass die Amerikaner nach 9/11 und angesichts der mühseligen Befriedung des Irak nach positiven Botschaften lechzen. Man will nicht als Neinsager und Defätist dastehen. Bush-Bashing, so die Parole, die von der Parteispitze ausgegeben wurde, ist kontraproduktiv, weil es schwankende Wähler vergrault und nicht verführt.

Gemäßigter Ton

Im Fleet-Center ist diese Parole am Montag, als der Konvent erstmals so richtig in Fahrt kommt, auf fruchtbaren Boden gefallen. Fast alle kleinen Parteitagsdelegierten und Politiker aus der zweiten Reihe reißen sich am Riemen und mäßigen den Ton. Das Publikum weiß ohnehin, was gemeint ist, wenn man die Steuerkürzungen für Superreiche geißelt, die prekären Lebensbedingungen der "working poor" beklagt oder den Vertrauensverlust, den Amerika in der Welt erlitten habe. Fast alle Redner setzen auf indirekten Angriff und ersparen sich brachiale Attacken.

Dass diese Art der Kritik wirkungsvoll eingesetzt werden kann, beweisen am Abend dann die ersten Topleute der Partei bei ihren Auftritten. In den Reden der Expräsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, von Senatorin Hillary Clinton und Exvizepräsident Al Gore kommt der Name Bush teils gar nicht vor, aber dennoch rechnen sie mit unmissverständlicher Härte mit seiner Politik ab.

Außerhalb des Fleet-Centers artikuliert die Basis ihre Bush-Feindschaft weniger verklausuliert. Robin Horden, ein Malermeister, der aus New Hamphire kommt und mit einem Transparent in der Demonstrationszone in der Canal Street auf- und abmarschiert, nennt Bush unumwunden einen Lügner und Dieb: "Angefangen hat es mit den gestohlenen Wählerstimmen in Florida, aufgehört mit den Massenvernichtungswaffen." Charlie Brey, ein Umweltaktivist aus Kalifornien, klebt Plakate, auf denen Bush wegen seiner Öko-Bilanz kritisiert wird. "Manche Dinge sind nicht zum Recycling geeignet", steht unter einem Konterfei des Präsidenten.

Und auch Sharon Gedacht, die in einem Shop in der Bostoner Washington Street Kleider verkauft und deren Sohn es bis ins State Department geschafft hat, macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube: "Ich habe Bush satt. Ich habe den Krieg im Irak satt". Zögernder Nachsatz: "Aber ob Kerry die Lösung für das Problem ist, weiß ich nicht."

Mit diesem Gefühl steht sie nicht alleine da. Bill Clinton wurde aus gutem Grund im größten zeitlichen Abstand zu John Kerry auf die Rednerliste gesetzt - aus Furcht, dass der immer noch höchst populäre Expräsident Kerry die Show stehlen könnte. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2004)

Christoph Winder aus Boston
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    "Uncle Sam" auf dem Parteitag der Demokraten

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