Nachfolgekarussell im Außenamt dreht sich

30. Juli 2004, 18:02
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Außenamtsgeneralsekretär Kyrle, Botschafterin Plassnik und EU-Botschafter Woschnagg sind im Gespräch

Wien - Kanzler Wolfgang Schüssel will sich noch nicht den Kopf über einen Nachfolger von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner zerbrochen haben. "Das hat Zeit", sagte er am Dienstag abwiegelnd auf Journalistenfragen, "ehrlich gesagt habe ich darüber noch nicht nachgedacht."

Schüssel ist niemand, der sein Team gerne wechselt. Durch den Abgang von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner nach Brüssel muss er nun gezwungenermaßen nachbesetzten - und vieles spricht dafür, dass er die Rochade so klein wie möglich halten wird.

Als mögliche Nachfolger für Ferrero-Waldner gelten an erster Stelle drei verdiente Diplomaten: Außenamtsgeneralsekretär Johannes Kyrle, Ursula Plassnik, Botschafterin in Bern, und - vor allem in Brüssler Kreisen genannt - EU-Botschafter Gregor Woschnagg.

Ambitionen aufs Außenamt werden weiters Innenminister Ernst Strasser nachgesagt. Er absolvierte zuletzt auffällig viele Auslandsbesuche. Holt Schüssel Strasser, muss er aber das Innenministerium neu besetzen - was wiederum den Eindruck einer großen Rochade machen würde. Außerdem gehört Strasser zum Niederösterreicherflügel und hat in der Vergangenheit des öfteren versucht, mit kritischen Aussagen eigenes politisches Profil zu zeigen.

Schüssel braucht im Außenamt aber in erster Linie einen guten und loyalen Organisator für die EU-Präsidentschaft im Jahr 2006. Sowohl Kyrle, Plassnik wie auch Woschnagg wären bestens geeignet für diese Aufgabe.

Plassnik (48) war schon einmal in jenem Mitarbeiterstab tätig, der die Vorbereitungen für die EU-Präsidentschaft im Jahr 1998 betreute. 1997 holte sie Schüssel als Kabinettschefin zu sich. Sie galt als effiziente und durchaus strenge Organisatorin im Hintergrund. Zu den Medien hatte sie hingegen stets ein distanziertes Verhältnis - eine Folge ihrer Erfahrungen in der Zeit der "Amsterdamer Frühstücksaffäre". Ihr geringes Interesse an Öffentlichkeit ist es auch, das viele in der ÖVP an einem Wechsel von Bern nach Wien zweifeln lässt.

Auf der anderen Seite sitzen nach Ferreros Abgang nur mehr zwei Frauen in Schüssels Team: Bildungsministerin Elisabeth Gehrer und Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. Das könnte ein Grund sein, nach einer Frau fürs Außenamt zu suchen.

Auch Kyrle (55) hat sich als Manager von Großereignissen bewiesen. Als Protokollchef organisierte er die österreichischen EU-Präsidentschaft im zweiten Halbjahr 1998 und den österreichischen OSZE-Vorsitzes im Jahr 2000. Seit 1973 im diplomatischen Dienst, diente er bereits acht Außenministern. Er stammt aus altem Beamtenadel. Sein Großvater war Bundespräsident Adolf Schärf, einer der Väter der Zweiten Republik und des Staatsvertrages.

Für die "Beamtenlösung" Kyrle spricht vieles: Er kennt das Ministerium bestens und kann die Geschäfte problemlos weiterführen.

Für Woschnagg (65) wiederum wäre das Amt des Außenministers der krönende Abschluss einer mustergültigen Diplomatenkarriere.

Alle möglichen Kandidaten hielten sich am Dienstag im Übrigen an eine unausgesprochene Regel in der Politik: Kein Kommentar. Woschnagg und Plassnik urlauben, Kyrle war nicht erreichbar. Nur Innenminister Strasser ließ über seinen Sprecher ausrichten: "Für das Außenamt stehe ich nicht zur Verfügung." (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 28.7.2004)

Von Barbara Tóth
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