Analyse: Kurzer Sommer der Avantgarde

18. Juli 2005, 13:21
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Christoph Schlingensiefs Bayreuther Triumph lehrt das Fürchten - Von Ronald Pohl

Manchmal sind es ausgerechnet Triumphe, die die Aufsässigen und Widersetzlichen ihren sorgsam gehätschelten Nimbus einbüßen lassen. Christoph Schlingensief ist mit seiner Bayreuther Parsifal-Inszenierung nicht etwa durchgefallen. Er hat illustren Premierengästen wie Angela Merkel (CDU) und Dieter Wedel (St. Pauli) mit einer betörenden Bilderflut Denkaufgaben zugemutet, für die sich die Erstgenannten herzlich bedankt haben.

Man sah, wie der Oberhausener Apothekersohn von Wolfgang Wagner in das vorsorglich aufgespannte Premierenzelt geschoben wurde. Mit der Erleichterung eines Abiturienten, der die schriftliche Klausur wider Erwarten geschafft hat und jetzt im Maturaanzug die Schweißtropfen der Erleichterung vergießt, verbat er sich gegenüber Interviewern die Zumutung, mit der Idee eines "Skandals" auch nur ansatzweise in Verbindung gebracht zu werden.

Die vorsätzliche Verwirrung der Kategorien, so Schlingensief, hätten andere betrieben. Die zeitgenössische Avantgarde, deren hysterischster Vertreter bis dato nicht Rast noch Ruhe kannte, feiert ihre Ankunft in der oberfränkischen Provinz als Rückkehr in den heimeligen Tempelbezirk der Hochkultur. Es dürfte dem frisch gebackenen Opernspezialisten Schlingensief fortan nicht schwer fallen, mollige Toscas von den Zinnen der Engelsburg herabzustürzen - schwindsüchtige Traviatas zu liebkosen oder gestandenen Schwanenrittern exotische Federn zu basteln.

Hatte es Schlingensief bisher verlässlich geschafft, die Beschleunigungsmomente der Kulturindustrie zu übernehmen und sie sich in einem Akt der Übertreibung zunutze zu machen - den Künstler ausrufend zum rasenden Vehikel für beliebig zitierbare Verhaltensweisen und Kunstpraktiken -, so legt sich das subversive Gewissen jetzt ausgerechnet am gipsernen Sockel der Villa Wahnfried schlafen.

Es ist dies ein Sieg der Verblüffung und der Friedfertigkeit. Der gewerbliche Aufruhr weicht der professionellen Ruhigstellung: Ein Provokateur legt sich vorderhand zur Ruhe.

Man wird Schlingensief diesen erstaunlichen Sinneswandel umso weniger ankreiden dürfen, als die historisch gewordene Avantgarde, deren Fortschrittglaube mit verpflichtender Logik noch immer durch die Köpfe der Kulturindustriellen spukt, ihr Obsolet-Werden nur noch als Selbstzitat überlebt.

Jener umstürzlerische Geist, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Kategorien der Kunst und der Lebenswelt planvoll miteinander vermischte, ist einem gesunden Professionalismus gewichen: einem zünftigen Handwerksethos, das seine eigenen Vorhaben bestenfalls daran misst, ob sie medial verwertbar erscheinen. Nur mit Blick auf die Verwechslung der Kategorien macht dieser Festspiel-Sommer der sterbenden Avantgarde daher seinen ganz besonderen Sinn.

Schlingensief sollte die Wagner-Rezeption zwar "auffrischen" helfen, aber nach Möglichkeit keinen Skandal erregen. Regisseur Frank Castorf, einer der wenigen wahren Anarchisten des Theatergewerbes, musste als Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen weichen, weil sich der Aufsichtsrat zwar gerne mit seinen fantasievoll chaotischen Inszenierungen geschmückt hätte. Die Bürde sinkender Zuschauerzahlen war man aber dann doch nicht zu tragen gewillt.
Es bedurfte eines Nebensatzes der hochlöblichen Präsidentin der Salzburger Festspiele, um auf die Verwirrung der kursierenden Denkmuster gestoßen zu werden. Helga Rabl-Stadler bemerkte unlängst sehr treffend, dass die von ihr repräsentierten Festspiele keinen "Lehrling" als Intendanten gebrauchen könnten. Als wäre Rabl-Stadler, im Hauptberuf eine hoch angesehene Modehändlerin, als fertige Festspielpräsidentin vom Himmel gefallen.
Die Opernwelt hat in Christoph Schlingensief jedenfalls einen hoffnungsvollen Regisseur dazugewonnen. Nach den Platzhaltern des Subversiven wird man sich gegebenenfalls anderweitig umschauen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2004)

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