Weibliche Kraft und totale Gehirnwäsche

27. Juli 2004, 19:26
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"No comment" zu Massenmord, Terror­ismus und exotischen Bildern - Der Regisseur dieser provokanten Arbeit, Jan Lauwers im STANDARD-Interview

Salome, eine Teetrinkerin, eine Tänzerin und Ulrike Meinhof kommentieren in dem Stück "No Comment" der belgischen Needcompany Massenmord, Terrorismus und exotische Bilder. STANDARD: Warum lassen Sie in einem der vier gesprochenen und getanzten Monologe unter dem Titel No Comment die deutsche Terroristin Ulrike Meinhof wiederauferstehen?

Lauwers: Es ist aber keine Meinhof-Beschwörung! Ich habe mich nur für den Monolog-Titel Ulrike entschieden und darunter mein eigenes politisches Statement gesetzt. Das kam aus der Frage, was Ulrike Meinhof jetzt über den Terrorismus sagen würde, wenn sie noch lebte. Der Begriff Terrorismus hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Der "idealistische" Terrorismus aus den 60-er- und 70er-Jahren ist total verschwunden.

STANDARD: Könnte hinter dem Terror der Islamisten nicht auch Idealismus stecken?
Lauwers: Nein, er ist eine Panikreaktion und beruht auf totaler Gehirnwäsche. Da gibt es keinen Idealismus, es ist eine völlig kranke Art zu reagieren. Als ich jung war, dachte ich, es könnte etwas Gutes im Terrorismus liegen. Aber wenn ich heute auf die 70-er zurückblicke, habe ich den Eindruck, dass auch das krank war. Terrorismus kann nicht funktionieren! Ich wollte mit dem Ulrike-Monolog einfach ein paar Ideen in diese schwierige Diskussion einbringen.

STANDARD:
Sie haben sich in No Comment für vier starke Frauencharaktere entschieden.
Lauwers: Die weibliche Kraft ist sehr wichtig, und sie wird so oft von Männern zerstört. Fast alle Religionen haben versucht, die Frau zurückzudrängen. Ein Motiv für No Comment war einfach, dass ich den Schauspielerinnen Viviane De Muynck, Carlotta Sagna und Grace Ellen Barkey sowie der Tänzerin Tijen Lawton, mit denen ich schon lange arbeite, eine Bühne geben wollte. De Muynck spielt die Ulrike, weil sie etwa das gleiche Geburtsjahr hat wie Meinhof.

STANDARD:
Eine balinesische Tänzerin leitet das Stück gestisch und monologisierend als Teetrinkerin ein, welche Idee verkörpert sie?

Lauwers: Dieser Monolog ist wie eine Zusammenfassung meiner Arbeit. Die Figur der Teetrinkerin war bereits in frühere Needcompany-Performances wie Caligula und Images of Affection integriert. Sie spielt ein Bild, das zum Publikum spricht: Eine indonesische Tänzerin beschreibt sich selbst. Die Darstellerin, Grace Ellen Barkey, ist in Surabaya, Indonesien, geboren. Sieht man eine asiatische Tänzerin, stellt sich sofort eine starke Verbindung zu ihrer exotischen Bildhaftigkeit ein. Das Thema ist hier also der Exotismus. In einer Dokumentation der BBC habe ich einen Journalisten mit einer bis aufs Skelett abgemagerten Frau sprechen sehen, die ein halb verhungertes Kind in den Armen hielt. Diese Frau hatte eine akademische Ausbildung in Philosophie! Sie sagte, wenn man hungert, leidet man unter unglaublichen Kopfschmerzen. Das war so schockierend, und ich dachte, wir machen aus allem ein Bild, und es ist immer exotisch.

STANDARD:
Im zweiten Monolog tritt Salome auf. Sie wäre eigentlich auch ein exotisches Bild, aber Sie transferieren sie in die westliche Gegenwart.
Lauwers: Die Salome in dem Stück hat mit der historischen Figur nur mehr insofern zu tun, als diese auch Menschen umgebracht hat. Dieser Monolog ist für Carlotta Sagna geschrieben, die leider nicht in Wien sein kann. Anneke Bonnema wird für sie spielen. Sagna hat Salome bereits in einem früheren Stück, Snakesong Trilogy, dargestellt. Hier ist sie die Frau eines Serienmörders wie Dutroux oder Fourniret, die Mädchen missbraucht und getötet haben. Ein dunkler, provokativer Monolog ...

STANDARD:
... der pessimistisch angelegt ist?

Lauwers: Nein, diese Frau ist wirklich krank, und sie versucht, sich zu verteidigen. Alles an ihr ist finster und wahnsinnig, und sie liebt das.

STANDARD:
Wie hat das Publikum in Belgien auf diese Nähe zu Dutroux reagiert?

Lauwers: Probleme gab es nur in Frankreich. Philippe Danel, der Direktor des Festivals Octobre en Normandie, wurde gefeuert, weil er das Stück programmiert hatte. Es hieß, so etwas wie Salomes Monolog kann man auf einer Bühne nicht zeigen.

STANDARD:
Die Tänzerin Tijen Lawton ist auch Autorin ihres stummen, choreografierten Monologs, die drei anderen Frauen sprechen Texte von Josse De Pauw, Charles M. Lee und Ihnen selbst.

Lauwers: Lawton hat große Teile ihres Solos selbst choreografiert. Bei ihr geht es wirklich um den Körper und seine Sinnlichkeit. Die Verbindung zwischen den vier Monologen liegt darin, dass jeder dieselbe Art von Energie hat. Kunst ist Energie, und Energie ist Kommunikation. Jeder der Monologe ist sehr komprimiert und ziemlich schnell. Die Erschöpfung des Denkens in De Muyncks Ulrike-Monolog ähnelt jener in Lawtons Tanzmonolog.

STANDARD:
Kann die darstellende Kunst terroristisch in einem idealistischen Sinn sein?

Lauwers: Ich glaube nicht. Die Welt ist so schockierend, dass Kunst über Gewalt reflektieren und sie nicht provozieren sollte.

STANDARD:
Haben die politischen Veränderungen des vergangenen halben Jahrzehnts Ihr Schaffen beeinflusst?

Lauwers: Ich bin von dieser Gesellschaft beeinflusst, also verändere ich mich auch. Den Ulrike-Monolog zum Beispiel hätte ich vor zwei Jahre noch nicht geschrieben. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2004)
Regisseur Jan Lauwers im Gespräch mit Helmut Ploebst

Zur Person


Jan Lauwers
, geboren 1957, studierte Malerei an der Kunstakademie in Gent (Belgien). 1979 gründete er seine erste Theatergruppe. 1985 entstand die Needcompany, deren künstlerischer Leiter Lauwers bis heute ist. Das große Projekt Snakesong Trilogy (1994) machte sie international bekannt. Es folgten u. a. Caligula (1997), Morning Song (1999), Images of Affection (2002). No Comment entstand 2003. Am 9. Juli hatte Lauwers' jüngste Arbeit, Isabellas Room, in Avignon Premiere.
  • Theater kann nicht Terrorismus sein. Jan Lauwers, Regisseur der belgischen Needcompay: "Die Welt ist so schockierend, dass Kunst über Gewalt reflektieren und sie nicht provozieren sollte."
    foto: impulstanz/eveline vanassche

    Theater kann nicht Terrorismus sein. Jan Lauwers, Regisseur der belgischen Needcompay: "Die Welt ist so schockierend, dass Kunst über Gewalt reflektieren und sie nicht provozieren sollte."

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